web@classic – ein Abend in der Duisburger Philharmonie

Frank Tentler und sein Web-Team der Duisburger Philharmonie (unter anderem Christian Spließ und Christoph Müller-Girod) machen bei dacapo-dp.de alles richtig. Sie haben erkannt, dass das Web nicht nur dazu dient, um E-Mails zu verschicken oder abfotografierte Plakate nochmals zu veröffentlichen. Sie wissen, wie man das Netz richtig nutzt. Sie bloggen, twittern, streamen, fotografieren und filmen. Aber das wichtigste überhaupt, sie machen Konversation. Sie tauschen sich aus, treten in den Dialog und zeigen dadurch eine für das Medium Internet zwar nicht neue, aber für ihr Thema umso überraschender Frische. Man nenne mir ein anderes philharmonisches Ensemble in Deutschland, das ebenso präsent im Netz ist und die „Kunden“, die Gäste, die Besucher, die Hörer sucht. Bei der Philharmonie Duisburg wird das Medium klassische Musik zu einem Gesamtereignis, tritt heraus aus dem muffigen Schatten der Hochkultur, lässt sie frisch und jung erscheinen und erschließt damit eine komplett neue Hörerschaft. Klassik wird mit einem Male auch für junge Menschen salonfähig. Und hautnah erlebbar.

Die Aktion „web@classic“ ist nur ein Beispiel, das zeigt, mit wie vielen wunderbaren Ideen die Duisburger Philharmonie sich in das kulturelle Leben Duisburgs mischt. Bei web@classic bekamen interessierte Blogger und Twitterer die Chance, kostenlos und live einem Konzert beizuwohnen. Zwar muss ich zu meiner Schande gestehen, nur durch bloßen Zufall davon erfahren zu haben, aber irgendwo muss die Geschichte ja beginnen. Und ich war sofort Feuer und Flamme. Über den E-Mail Link im Artikel des Upload-Magazins reservierte ich mir drei Karten. Ich twitterte darüber und schrieb einen Blogeintrag und mit einem Male ging alles sehr schnell. Frank Tentler antwortete auf meine Tweets, kommentierte meinen Artikel und bewies damit genau meine Eindrücke, die ich eben beschrieb. Der Dialog wird gesucht. Und er wurde gefunden.

Am Abend des 25.April schritt ich durch die Mercatorhalle, einem der modernsten Konzerthäuser Deutschlands. Schnell entdeckten wir das sogenannte Web-Team-HQ, in dem Frank und seine Mannen bereits auf den Ansturm warteten. Der nicht lange auf sich warten ließ. Immer mehr Blogger und Twitterer strömten herbei  und bewiesen eindrücklich den Erfolg der Aktion. Interviews wurden geführt, Fotos geschossen, Gespräche und Geplauder begannen und an allen Ecken und Enden hörte man freudige Hallos, wenn die virtuellen Menschen sich zum ersten Mal in Fleisch und Blut sahen.

Unterstützt wird das ganze Netz-Projekt vom Intendanten Dr. Alfred Wendel, der, wie mir Frank später erzählte, völlig fasziniert von dieser fremden Welt sei, die sich mit einem Male für seine Welt interessierte. Auch für ihn scheint es also grade dieser Reiz zu sein, das alte Medium Klassik zu entstauben und mit dem neuen Medium Internet zu vereinen. Ich muss gestehen, etwas überrumpelt gewesen zu sein, als mir Herr Wendel die Hand zur Begrüßung reichte. Als ich in der Pause mit meinen Begleiterinnen bei einem Gläschen im Foyer stand, konnten wir uns allerdings ein wenig unterhalten. Man sah ihm an, wie ihn unsere Begeisterung freute.

Für mich war es das erste klassische Konzert meines Lebens. Und nicht nur die Musik begeisterte mich, sondern auch die Atmosphäre und die kleinen Rituale, die ein Konzert begleiten. Das Stimmen der Instrumente (das mich an den Startton der Playstation 3 erinnerte – ich Nerd), die Bedeutung der ersten Geige (als ihr während des Konzerts eine Saite riss, legte sie das Instrument beiseite, ließ sich von der zweiten Geige das Instrument geben, die wiederum eine Geige hinter ihr nahm und diese Musikerin zum stummen sitzen bleiben verdonnerte), das stille Warten des Orchesters auf den Dirigenten und das Erheben zur Begrüßung und dann … die Musik. Mit welcher Wucht und Leichtigkeit das Publikum in die Musik hinein getaucht wird. Mit welchem Leben klassische Musik erfüllt wird, wenn man den Dirigenten und das Orchester zusammen spielen sieht. Mit welcher Perfektion so viele Eindrücke auf einen und noch einen und noch einen Punkt gebracht werden. Ich saß einfach nur da und genoss. Stellte dabei wieder einmal fest, dass mir die Geige das liebste Instrument ist (kein anderes Instrument kann in mir eine solche Traurigkeit oder aber auch Aufregung und Spannung erzeugen). War beeindruckt, wenn das Orchester im Zusammenspiel die Wände schier zum zittern brachte oder die Stimmung so dämpfen konnte und man mit gespitzten Ohren nur darauf wartete, wie das Stück fortgesetzt wird.

Natürlich muss ich gestehen, dass ich wahrlich kein Klassik-Kenner bin. Abgesehen von den wirklich populären Stücken, die man auf den Kuschel-Klassik CDs findet, und die ich mir gerne einmal bei einem heißen Bad anhöre, kenne ich nur die orchestrale Musik von Filmen. So muss ich auch gestehen, dass mir das erste Stück von Haydn, das das WDR-Sinfonieorchester Köln unter der Leitung von Thomas Hengelbrock spielte, ausgesprochen gut gefiel, leichtfüßig und dennoch mitreißend daher kam. Und ja, ich muss gestehen, in den Pausen zwischen den einzelnen Sätzen aus Versehen mitgeklatscht zu haben, weil einige andere Neulingen das auch taten. Doch wir lernten schnell (spätestens beim missbilligenden „Nein nein nein“-Fuchteln des Taktstocks). Danach trat die überaus talentierte (und hübsche) Violinistin Alina Pogostkina auf, die ein Violinenkonzert von Prokofjew zum Besten gab. Mit Feuer, ausladender Gestik und verspielter Perfektion wusste sie zu begeistern. Doch fehlte mir hier ein Thema, ein roter Faden, an den ich mich klammern konnte. So auch beim dritten Werk nach der Pause. Bartoks „Konzert für Orchester“ bestach durch wunderbare und überraschende Arrangements, die aber scheinbar zusammenhanglos gespielt wurden. Später erfuhr ich, dass dieses Stück mit zu den schwersten für ein Orchester gehört und offenbar nicht nur mich verwirrte.

Dennoch war ich berauscht.

Entsprechend beseelt und lächelnd trafen wir uns mit dem Web-Team und einigen weiteren Bloggern/Twitterern nach dem Konzert noch auf ein Schwätzchen. Frank lud mich ein, einmal einer Probe beiwohnen zu können, bei dir ich auch die Hintergründe und die Infrastruktur eines Konzerthauses entdecken, vielleicht sogar ins Gespräch mit einigen Musikern kommen und Fotos schießen könnte. Auch erzählte er von den vielen anderen Aktionen, die die Duisburger Philharmonie bestreitet, wie beispielsweise die Kulturaffäre. Auch das werde ich mir mit Sicherheit bald möglichst ansehen und anhören.

Der ganze Abend war ein einziges spannendes Abenteuer und möchte an dieser Stelle nochmals vielen Dank sagen an Frank Tentler, das ganze Web-Team, dem Intendanten Alfred Wendel und der Duisburger Philharmonie im allgemeinen. Ich bin froh, endlich auch eine andere Seite Duisburgs kennen gelernt zu haben und kann nur appellieren, sich ein Beispiel daran zu nehmen, wie man es hier in Duisburg verstanden hat, junge Leute und Menschen aus dem Netz für Hochkultur zu begeistern. Ich freue mich auf viele Fortsetzungen und weitere spannende Ideen der Duisburger Philharmonie.

Weitere interessante Einblicke finden sich im zugehören Blogeintrag von Frank Tentler, wo auch Fotos und Videos verlinkt sind. Wie beispielsweise dieses hier:


Duisburger Philharmoniker >> web@classic from Duisburger Philharmoniker on Vimeo.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ich danke dir nochmals, dass du mich mitgenommen hast und ich all diese Eindrücke mit dir teilen durfte… und ich hoffe in Zukunft ausbauen kann!

    … die kleine Schwester

  2. bei der kulturaffäre solltest du dich beeilen: nur noch der erste mai in dieser saison, dann pause… hurtig. hurtig.
    Ad Astra

  3. Pingback: links for 2009-04-28 « Nur mein Standpunkt

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