Weltverbesserung per Mausklick

Ach, ihr armen Weltverbesserer des Internets. Ihr, die ihr jede Woche eine neue Sau durch das Dorf treibt und zum Schlachten aufruft. Ihr, die ihr Videos postet, böse Blogartikel und Kommentare schreibt. Ihr, die ihr Sternchen verteilt, Herzchen und Daumen-oben-gefällt-mir-Buttons drückt. Ihr, die ihr tatsächlich daran glaubt, damit die Welt ein bisschen besser machen zu können.

Ihr denkt, weil in Nordafrika Regierungen gestürzt wurden und Spiegel Online sagt, das sei nur durch Facebook und Twitter möglich gewesen, müsste das doch in allen Bereichen und überall funktionieren. Also findet ihr jede Woche einen neuen Bösewicht, der gestürzt, gehängt und verbrannt werden sollte. Vorletzte Woche war es Ferrero, letzte Woche Wiesenhof, diese Woche Nespresso. Und nächste Woche? Ihr ärgert euch, schreibt bei Twitter und Facebook und all den Social Networks mehr oder weniger intelligente Statements, freut euch, wenn man euch antwortet, wenn ihr Klicks bekommt und ruft zur Revolution auf. Ihr klappt den Deckel eures Laptops zu und denkt der Welt einen Dient erwiesen zu haben. Ja, jedes bisschen hilft. Daran glaubt ihr ganz fest.

Nespresso handelt seinen Kaffee also nicht fair. Skandal. Schnell das gut gemachte Viral-Video verteilen. Geht ja ganz einfach. Überall posten, dass man nur noch Fairtrade-Kaffee kaufen will. Sehr schön. Und dann? In drei Wochen wieder bei Tchibo stehen und den günstigen Kaffee holen, weil der andere ja so teuer ist. Und die günstigen Hähnchen aus dem Rewe-Kühlregal sind ja auch nicht schlechter als vom Bio-Bauern. Wie war das damals als BP unsere Meere mit Öl vergiftete? Ihr habt alle laut geschrieben und geklickt. Und seid danach statt mit dem Fahrrad mit eurem Auto zur freien Tankstelle am Rande der Stadt gefahren. Und heute? Denkt ihr noch daran? Oder seid ihr der Meinung, dass die anderen Konzerne mehr auf unsere Umwelt achten? Und hat es BP geschadet? Ist BP pleite oder achtet jetzt mehr auf die Umwelt?

Ihr ruft im Netz dazu auf, politisch engagierter zu sein. Ihr zeigt mit euren Sternchen, wie toll ihr es findet, dass Ägypten nur durch eure Unterstützung befreit wurde. Und dann lasst ihr es zu, dass sich in einem irgendwo im Osten befindlichen Bundesland die braune Scheiße in den Landtag wählen lässt. Ihr sitzt Zuhause statt wählen zu gehen und schüttelt auf Twitter den Kopf, wie es soweit kommen konnte. Das waren natürlich alles diese bösen Neonazis. Nur die sind Schuld. Nicht ihr, obwohl ihr in der Mehrzahl seid.

Ja, Hexenverbrennungen sind toll. Und heute so einfach zu machen. Und es gibt ja genug Hexen, die verbrannt werden können. Letztlich fällt aber jedem irgendwann auf, dass es offenbar keine gute Fee in diesem Märchen gibt. Sie alle scheinen böse zu sein. Jeder Konzern scheint ähnlich zu handeln: möglichst billig einkaufen um möglichst teuer verkaufen. Schande. An den Pranger mit ihnen. Schnell klicken. Schnell ein virales Video produzieren. Schnell posten, klicken, Gefällt mir und durch atmen. Die Welt ist gerettet.

Natürlich gibt es unter euch tatsächlich welche, die es ernst meinen. Die kaufen nur Bio, essen keine Tiere, handeln stets fair. Und posaunen das mit ihren Smartphones in die Welt hinaus, ohne darüber nachzudenken, wo die seltenen Erden herkommen, die zur Produktion des Smartphones nötig waren. Aus welchen dunklen Bergbaugruben, in denen Kinder 12 Stunden täglich arbeiten? Mist, schon wieder reingefallen. Also wo soll man beginnen?

Die Welt ist mächtig aus den Fugen geraten. Schon seit langem. Und sie kann wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Aber nur wenn alle gemeinsam etwas tun, etwas bewegen. Wirklich bewegen. Und das konsequent. Mit Klicken und Tippen ist es nicht getan. Nicht die Klicks haben afrikanische Diktatoren gestürzt, sondern die Menschen auf den Straßen. Nicht die viralen Videos werden Konzerne zwingen, anders zu handeln, sondern die Menschen mit ihrem Konsumverhalten. Und selbst dann wird es leider immer Ungerechtigkeiten geben. Und kein noch so schöner Artikel wird daran etwas ändern. Nicht einmal dieser hier.

Also, welchen Konzern stellen wir nächste Woche an den Pranger? Egal, er hat es so oder so verdient und wir können mit unserer Arbeit zufrieden sein.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gegenfrage: Was machst du besser? Ich finde deinen Beitrag interessant, aber du zeigst mMn auch nur mit dem virtuellen Zeigefinger auf andere. Gruss. Exu-Rei

  2. Guter Einwand. Natürlich erhebe ich nicht den Anspruch alles besser zu machen. Ich mache einiges besser und anderes nicht, so wie vermutlich jeder andere. Manche bringen brav Batterien zum Sammelcontainer, werfen Papier aber in den Restmüll. Egal, in diesem Artikel richte ich den virtuellen Zeigefinger lediglich auf die, die der Meinung sind, durch einen Mausklick die Welt zu verändern und damit hausieren gehen. Natürlich ist es wertvoll (und zunehmend wichtiger) sich auch im Netz zu engagieren. Aber es ist nicht die letzte Lösung. Diktatoren in Nordafrika wurden durch Menschen gestürzt, die wirklich auf die Straße gingen. Castor-Transporte werden durch Demonstranten auf den Schienen verlangsamt. Müll wird durch Nachdenken und entsprechenden Konsum verringert. Kaum etwas davon macht durch ein „Gefällt mir“-klicken einen Unterschied.

  3. Ich gebe dir vollkommen recht, wenn du schreibst, dass es Menschen waren, die aktiv etwas getan haben, die einen Diktator gestürzt haben.

    Trotzdem läßt sich auch via mouse click etwas bewirken. Das beweist die Anti-PIPA/SOPA Kampagne (web blackout), die u.a. WordPress & Wikipedia unterstützt haben, als es darum ging für die Grundrechte der Internet User einzutreten.

    Ich denke, dass ein frei zugängliches unzensiertes Medium wie das Internet durchaus dazu beitragen kann etwas zu verändern, denn es liefert Informationen, die sich jeder beschaffen kann, der Zugang zu diesem Medium hat.
    Informiert zu sein – und zwar umfassend, und nicht nur einseitig durch die offiziellen Staatsorgane – ist schon mal die Voraussetzung um überhaupt auf den Gedanken zu kommen, dass etwas ggfs. geändert werden sollte.
    Dann ist Handlungsbedarf da, der ebenfalls wieder über das Internet (oder Social Media Plattformen wie Facebook, Twitter, Google+ & Co.) weiter verbreitet/angeregt werden kann.

    TUN müssen allerdings die Menschen selbst aktiv etwas unabhängig vom virtuellen Spielplatz. Das heißt, auf die Strassen gehen. Demonstrieren. Zum Wählen gehen. Faule Tomaten auf dummdreiste Politiker werfen etc. ;o)

    Dazu sind die meisten jedoch – mMn – zu faul, weil es sie nicht unmittelbar betrifft – oder so glauben sie zumindest.

    Castor – ist doch so weit weg (dass Radioaktivität keine Grenzen kennt, realisieren die meisten nicht). Den Müll muß der einzelne Mensch nicht weiter transportieren, als bis zur hauseigenen Mülltonne. Dann ist er verschwunden. Die wenigsten machen sich Gedanken darüber was danach passiert.

    Diese Informationen lassen sich jedoch über das Internet verbreiten und dadurch läßt sich ein Bewußtsein schaffen, was wiederum zu einer Veränderung im Handeln führen KÖNNTE… Gruss. Exu-Rei

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