Als ich der Kassiererin sage, dass ich gerne eine Karte für Cloverfield hätte, wiederholt sie die Frage: "Eine Karte?" Mit Betonung auf dem Wort "eine" und dem Subtext: "Sie sind so allein, dass sie niemanden finden, der mit ihnen ins Kino geht?" Ich versuche es zu ignorieren, kaufe eine Tüte Popcorn (die ich mir durch den Kalorien-verbrennenden Marsch verdient habe) und gehe in den Kinosaal.
Ich setze meinen Gedanken fort, den ich schon vor vielen Jahren begonnen habe. Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Allein sein. Das Allein sein kann man wählen, die Einsamkeit wird einem aufgezwungen. Allein sein kann manchmal ganz angenehm sein. Einsamkeit nicht. Allein sein kann man nur alleine. Einsam kann man auch mit vielen Menschen sein.
Vielleicht scheue ich mich deshalb davor, irgendwo alleine hinzugehen. Weil unter vielen Menschen das Allein sein sich schnell wie Einsamkeit anfühlt oder gar zu einer wird. Nirgendwo fühlt man sich alleine verlorener als zwischen vielen (am besten glücklichen) Menschen.
Soviel auch zu dem weisen Spruch, den man früher oder später immer zu hören bekommt: "Du musst halt auch mal raus." Raus. Was heißt das, raus? Wohin raus? Ich zog mir mal die Schuhe an und ging hinunter auf die Straße. Ich war raus. Und dann? "Nein, ich meine damit, du mußt unter Leute." Solche Weisheiten hört man interessanterweise nur, und ich betone, nur von Menschen, die es zwar gut mit einem meinen, die aber immer in einer glücklichen Beziehung stecken oder mit einem großen Freundeskreis gesegnet sind. Leute, die sich nicht alleine in ein Cafe, ein Restaurant, ein Kino setzen wollen, nur um sich dort noch mehr allein zu fühlen, sagen solche Weisheiten nie.
Wie auch immer, ich bin draußen, sitze in einem Kino, ganz hinten in der Mitte. Einige Plätze vor mir werden durch Pärchen und Grüppchen eingenommen. Sie drehen sich zu mir um, tuscheln und zeigen mit dem Finger auf mich, während sie das tun. Vielleicht sieht das im Halbdunkel aber auch nur so aus. Irgendwann taucht ein zweiter einsamer Kerl auf. Und er setzt sich, wie könnte es anders sein in einem noch fast leeren Kino, direkt neben mich. Er stinkt wie ein toter Dachs, er grunzt Kommentare und er wedelt ständig mit den Armen. Ich rücke drei Sitze weiter. Da erscheint ein weiterer einsamer Kerl. Und, ihr werdet es nicht glauben, setzt sich neben mich. Ich rücke wieder einen Sitz in die andere Richtung. Die Werbung beginnt. Und die letzte Reihe des Kinos ist mit drei einsamen Kerlen besetzt.
Bin ich denn wirklich einsam? Nein. Nur im Moment alleine. Was aber auch gerade keinen Spaß macht. Alleine bin ich dann doch lieber alleine. Ich beschließe, den nächsten Kinobesuch nur noch in Begleitung zu unternehmen.
Ich beschließe außerdem, den kleinen Drecksäcken links ein paar aufs Maul zu geben, wenn sie nicht endlich aufhören, im Kino herum zu rennen und zu grölen. Ich beschließe, dem Stinker zu meiner Rechten, die Hände auf den Rücken zu binden, wenn er nicht bald aufhört zu wedeln. Ich beschließe, den beiden Idioten vorne rechts solange ans Schienbein zu treten, bis sie mit ihren Unterhaltungen aufhören. Hat denn noch keiner außer mir bemerkt, dass der Film schon seit zehn Minuten läuft? Fünfzehn Menschen, in einem ansonsten leeren Kinosaal und ich scheine der einzige zu sein, der einfach nur den Film sehen will. Gehen andere Leute ins Kino, um etwas anderes zu tun als Filme schauen? Oder denken andere Leute sie seien, haha, alleine im Kino?
Der Film ist zu Ende, draußen stürmt und regnet es. Während ich gegen den noch eisigeren Wind ankämpfe, denke ich an den großen LCD Fernseher, der nächste Woche geliefert wird. Dann findet Kino bei mir zuhause statt. Und da ist es egal, ob ich alleine da sitze. Vielleicht kommt mich ja jemand besuchen. Und wenn man quatschen möchte, drückt man einfach auf Pause. Vielleicht gucke ich aber auch wieder alleine Filme. Doch zu hause alleine ist definitiv schöner als draußen alleine.


Naja, nächstens werd ich mich mal mit einem Kollegen auf Fotosafari begeben. Dann bin ich draußen.
Bei mir jedoch - bin als jahrelanger "immer wieder mal auch gerne alleine ins Kino-Geher" wohl einfach etwas abgehärtet respektive abgestumpft - hat sich da mittlerweile eine deutlich stärkere "Jetzt erst recht"-Attitüde diesbezüglich entwickelt. Wohin kämen wir denn, wenn in einer unserer Single-Gesellschaft mit gefühlten zwei Singles je Paar man nicht einmal mehr demonstrativ ALLEINE ins Kino gehen könnte?
PS: Cloverfield gerade auch solo gesehen und ähnlich überzeugt wie Du, vor allem bezüglich der konsequenten Auflösung und (bis auf wenige Stellen) dramaturgischen wie atmosphärischen Dichte.
Zu Cloverfield: Du meintest doch die konsequente NICHT-Auflösung, oder?
Natürlich hast Du recht, dass ein demonstratives Weggehen um des Weggehens willen sicherlich auch mindestens merkwürdig wäre.
Ich bezog mich auch eher auf die Momente, in denen ich einfach Lust habe auf Kino, und in denen ich mich dann nicht einschränken lassen will, wenn niemand mitkann/-will.
So etwas wie Friendchasing gibt es leider nicht, oder ich habe es bisher noch nicht entdeckt. Sachen wie Friendscout oder Neu.de sind ja mehr Singlebörsen. Und Newintown ist so fürchterlich zu bedienen, dass man gleich die Lust verliert.
Und Schichtdienst macht es natürlich auch nicht leichter, etwas auf die Beine zu stellen. Bei Spätschichten habe ich nur ein paar Stunden am Vormittag, bei Frühschichten bin ich den ganzen Tag erschlagen, bei Nachtschichten fällt das Abendprogramm flach...
So versuche ich noch immer vielleicht mal meine Pläne mit Fitness Studio, Spanisch- und/oder Gitarrenkurs umzusetzen, oder mich eben auch mal den Arbeitskollegen anschließen zu können.
Letzlich wäre etwas wie Friendchasing echt optimal. Wenn ich programmieren könnte, würde ich sofort ein solches Projekt hier starten. Als Admin lernt man zwangsläufig alle kennen.