Die heutige Jugend

Eine Gruppe Kinder sitzt bei Null Grad in einem Glashäuschen am Bahnsteig. Ihre kleinen Hände klammern sich ungeschickt an glimmende Zigaretten. Man sieht, dass sie nicht wissen, wie man sie richtig hält. Gierig paffen sie daran und spucken nach jedem Zug. Um sie herum haben sie einen Schutzwall aus Spucke und Rotz erstellt. Die männlichen Mitglieder tragen große, weiße Turnschuhe, die nicht gebunden sind, Hosen, die bis zum Knie hängen und Jacken, die Aufschriften von Orten tragen, die sie nicht auf einem Globus finden würden.

Die weiblichen Raucher haben vermutlich drei Stunden für Schmuck und Make-up gebraucht obwohl es aussieht, als hätte das Anlegen und Auftragen nur 2 Minuten gedauert. Ihre Jacken sind so dick gefüttert, dass sie wie ein Michelinmännchen aussehen, dafür haben sie unterhalb des Bauchnabels entsprechend wenig an.

In der Hand die keine Zigarette hält liegt ein Klapphandy der neuesten oder letzten Generation. Aus diesen Handys tönen schrill die aktuellen Hits aus den Klingeltoncharts. Unter den Sitzen in dem Glashäuschen steht ein Sixpack Qowaz und jemand hat eine winzige Pizzaschachtel mitgebracht, deren Inhalt entweder auf dem Boden oder an den Glasscheiben hängt und nun natürlich nicht als Aschenbecher benutzt wird. Zwischen den Rotzpfützen, Pizzaresten und Aschebergen liegt zerrissenes Papier, Glasscherben und anderer Müll. Es wird ignoriert.

Wenn sich die Kinder miteinander unterhalten, endet jeder Satz mit dem Zusatz „…so.“ oder „..Alda“. Selbst die nicht türkischen Mitglieder der Gruppe bedienen sich eines Vokabulars, das jeden Erkan und Stefan vor Neid würde erblassen lassen. Kein Satz ohne Schimpfwort, kein Gespräch, dass sich nicht um Handys, Chicks oder Fluppen drehen würde. Manchmal, wenn den Kindern kalt wird oder die Hormone sie dazu treiben, tollen sie herum, schlagen die Mülleimer klein und zerkratzen die Scheiben des Glashäuschens. Hin und wieder erfreuen sie sich an lustigen Feuerchen und legen Steine auf die Schienen. Dann schubsen sie sich wieder und schlagen auf die Mädchen ein, die zwar schreien, aber dennoch den ganzen Tag mit den Jungs verbringen.

Am nächsten Tag sitzen sie wieder dort. Und auch am Tag darauf. Naja, immerhin sind sie an der frischen Luft. Unsere Generation hat sich damals an den C-64 verzogen und war im warmen zuhause um frühe „Killerspiele“ zu spielen und ein völlig anderes Klischee zu bedienen. Wie sich doch die Zeiten ändern.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wahaha, genial geschrieben… bei mir und meinem Bruder heissen solche Kids nur noch „Clonies“ weil sie alle gleich ausschauen, alle das Gleiche tun und wie mir deucht jeden Funken Individualität längst an die Werbeindustrie abgegeben haben. 🙁

  2. Super gesehen und beschrieben 😉 Ja, so langsam wird mir klar auf was ich mich da eingelassen hab…aaah :'(
    Vielleicht muss ich nur auch so cool werden, damit ich mich da behaupten kann 😛 wär doch en Versuch wert oder 😉 aber auf das Spucken werd ich wohl verzichten … hihi 😀

  3. Clonies klingt gut. Aber ich glaube nicht, daß es nötig ist, zu versuchen, sich an diese „Coolness“ anzupassen. Das würde diesen Unsinn doch nur bestätigen, oder?

  4. wie gut, dass ich nahezu auf dem Land lebe. Da sind solche Kinder nur in den von mir selten bis gar nicht besuchten Randgebieten zu finden.

  5. Beobachtet habe ich das alles auf dem „Land“. Ich schätze doch, dass man Elzach im tiefen Elztal als Land bezeichnen darf. Aber ich glaube in den richtig dörflichen Ortschaften ist es tatsächlich noch nicht ganz so schlimm. Da gibt es sogar Kinder, die als Sternensinger unterwegs sind.

  6. Naja.. ‚heutige‘ Jugend. Als ich noch in dem Alter war in dem man jugendlich gelten kann, hingen meine Altersgenossen an jedem Wochenende oder sonstwie freien Tag an der Bushaltestelle rum. Mit mehreren Kästen Bier und einem Gesprächsstoff dessen Tiefgang sind ungefähr auf der Ebene eines Regenwurms bewegt haben dürfte.

    Dummheit stirbt leider nicht aus, sie wechseln nur alle paar Generationen das Antlitz.

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