BarCamp Offenburg 2008

Ihr kennt die Theorie des Marmeladenbrotes, das beim Herunterfallen von einem Tisch immer auf der Marmeladenseite landet. Ähnliches überlegte ich mir am Samstag beim BarCamp 2008 in Offenburg. Sven und ich waren schon recht früh bei phantastischem Wetter dort und bekamen am Eingang sogleich unsere Badges mit den Namen und den WLAN Zugangs-Codes überreicht. Und eben diese Badges, so stellte ich im Laufe des Tages fest, hingen meistens so an den Hälsen der Teilnehmer, das sie nur die blanke Rückseite zeigten. Als sei es ein Naturgesetz, das Marmeladenbrote mit der beschmierten Seite auf dem Boden landen und Namensschilder grundsätzlich umgedreht sind.

Doch diese Erkenntnis sollte mit Sicherheit die unwichtigste des ganzen Tages sein. Es war mein erster Besuch bei einem Barcamp (eine Erklärung). Entsprechend gespannt schritt ich durch die modernen und hellen Hallen des Burda Verlages, einem der Hauptveranstalter. Genauer gesagt fand das Barcamp in einigen Konferenzräumen, der Kantine und auf dem Sonnendeck von Burda Media statt, die in eben diesem großartigen Gebäude residieren. Die Kantine war, wie zuhause die Küche, der allgemeine Treffpunkt. Hier wurde auch ein reichhaltiges Frühstücksbüffet bereit gestellt, sowie ein leckeres Mittagessen serviert.

Auch die Vorstellung aller Teilnehmer fand hier statt. Das Mikrofon wurde durch die Reihen weitergegeben, ein jeder erhob sich, um sich vorzustellen und mit drei Tags zu beschreiben. Dann ging der Aufruf an die Veranstalter der Sessions. Sessions sind Vorträge oder Diskussionsrunden, die sich einem bestimmten Thema widmen. Das Angebot war mannigfaltig und der Stundenplan der Veranstaltungen füllte sich rasch. Es liegt in der Natur der Sache, dass man früher oder später gezwungen war, sich entscheiden zu müssen, welcher Session man beiwohnen wollte. So verpasste ich mindestens drei Runden mit ähnlich spannenden Themen.

Meine erste besuchte Session war die BarCamp-Newbie-Runde. Denn schon bei der Vorstellung war schnell deutlich geworden, wieviele Neu-Camper anwesend waren. Zum Glück, ich musste also nicht allein dort sitzen und erfuhr so manches über die Geschichte, die Durchführung und Zielsetzung von BarCamps. Besonders Wert gelegt wird dabei auf den Austausch, das Einbringen und das Kennenlernen, was mir sehr gut gefällt. Eine eigene Session hielt ich dennoch nicht. Dazu später noch ein Wort mehr.

Kaum war diese Session zu Ende, ging es wieder in den nächsten Konferenzraum, stets beobachtet von Security Personal, welches aufpassen sollte, dass keiner der Teilnehmer aus Versehen verbotene Büros betrat. Ich hatte mich für die Runde "Erfolgsrezepte von Webprojekten " entschieden. Was genau macht Flickr, MySpace, Twitter, Facebook, ebay und all die anderen bekannten Seiten im Netz denn überhaupt so erfolgreich? Wo liegt das Geheimnis, worauf gilt es zu achten und weshalb haben Mitbewerber trotz perfekten Ausgangssituation mitunter Pech und scheitern?

Beim Mittagessen traf ich Christoph von fudder, dem Freiburger Online Portal, für das ich auch vor langer Zeit ein paar Artikel verfasst hatte. Es kam zu einem interessanten und lockeren Plausch über das Web, über fudder, das Ruhrgebiet, die Schriftstellerei und den Unterschied zwischen Journalisten und Bloggern. Und, wie ich heute festgestellt habe, muss man immer aufpassen, was man sagt, wenn man mit Journalisten spricht. (Christoph, ich war nicht beim Barcamp, um Frauen kennen zu lernen ;-) )

Wohl gesättigt saß ich kurz darauf in der Session von Sven, der ein neues Blogsystem namens Blogforge vorstellte, das seine Firma Esono entwickelt hatte. Blogforge ist im runde der kleine, kostenlose Ableger ihres Chamäleon CMS System und sieht bereits jetzt so vielversprechend aus, das ein Wechsel von Serendipity zu Blogforge sehr wahrscheinlich wird. Zumindest im geschlossenen Beta Test werde ich mir die Blog-Schmiede genauer anschauen. Angeschaut haben sich diese Session übrigens auch die beiden A-Blogger Yoda und Oliver Gassner.

Wieder im großen Saal im oberen Stockwerk lauschte ich Zeniscalm, ihres Zeichens Headhunterin, die einen kurzen Einblick in ihren Arbeitsalltag gewährte. Und der scheint recht spannend zu sein. Eine der ersten Fragen aus dem Publikum lautete, ob sie denn nachts überhaupt noch schlafen könne. Denn in Ausübung ihres Jobs bewegt sie sich zwar immer in den Grenzen der Legalität (wenn auch manchmal scharf am Rande), aber für manche doch weit jenseits von Moral und Ethik. Ihr Statement, dass ohnehin nur die Menschen abgeworben werden könnten, die nicht 100% zufrieden in ihrer Firma seien und es in diesem Fall sogar für alle Beteiligten besser sei, wenn sie wechselten, rief erneute Fragen auf.

Die nächste Session "Jugend im Netz" wurde sehr schnell zu "Frauen im Netz" und "Wie mache ich ein erfolgreiches Projekt im Netz", was nicht zuletzt durch Oliver Gassners Tipps sehr kurzweilig und interessant wurde. Besonders seine Bitte, dies nicht mitzubloggen und den Live Stream zu deaktivieren, machte es schon spannend.

Was mir an diesem ganzen Tag wirklich auffiel, war die Tatsache, dass ich nicht halb so nerdig bin, wie ich immer dachte. Außerdem scheine ich das Web2.0 nicht zu leben, wie manch anderer. Auch ich twitterte hin und wieder und schoss ein paar Fotos. Aber ich betrieb kein Liveblogging, stellte die Fotos nicht sofort bei Flickr bereit, nahm nicht intensiv an den Twitterdiskussionen teil und verfolgte auch nicht den Livestream in den Pausen.

Deshalb kam mir auch nicht in den Sinn, eine Session zu halten. Denn erstens wollte ich mir erst einmal nur ansehen, wie so etwas abläuft. Und dann wurde mir schnell bewusst, dass ich als Internet-Normal-User den anwesenden Powerwebern überhaupt nichts mitteilen könnte, was sie nicht ohnehin schon wüssten. Teilweise fühlte ich mich wie ein kompletter Neuling. Ein Kind, das mit großen Augen und Ohren staunte ob dieser großen, spannenden Netzwelt, die so viel weiter ging, als bisher geahnt.

Ich lernte einige sehr nette Menschen kennen, erhielt neue Twitter-Verfolger und ging mit einem Packen T-Shirts, neuen und interessanten Eindrücken und dem Wunsch bald wieder ein BarCamp zu besuchen nach Hause. Mein Lob geht hiermit an die Veranstalter.

Und sonst? Stellte ich fest, dass die hauptsächlichen Computer doch tatsächlich Macbooks waren. Und diese in den meisten Fällen, in Crumpler Taschen steckten. Dass jeder, der fotografierte, dies entweder mit dem Handy tat oder gleich eine Spiegelreflexkamera zückte. Dass die heutigen Nerds nicht mehr anhand der Kleidung oder des Aussehens als solche zu erkennen sind. Dass ich nur zwei iPhones sichtete. Dass ich doch noch C-Bloggerisch genug bin, um ehrfürchtig herüber zu schauen, wenn ein A-Blogger den Raum betritt. Dass ich mich darauf freue, beim nächsten Mal mehr Bekanntschaften zu machen.

Weitere Berichte über das BarCamp Offenburg findet man hier. Es wäre müssig, hier nochmals alle Links zu veröffentlichen. Bei Flickr finden sich Fotos zur Veranstaltung, eine wenige werden noch von mir dazu kommen.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ha, ich hab Dich auf einem Foto entdeckt … nun weiss ich also, nach welchem Gesicht ich auf der Straße um die Ecke Ausschau halten muss :).

    Klingt interessant, würde ich mir doch auch mal gerne geben.

  2. Oh Gott, das klingt wie eine Drohung. ;-) Bin ich jetzt ein Mensch des öffentlichen Lebens?

    Und ja, es ist sehr interessant. Definitiv. Ich werde auch bald wieder eines besuchen. Vielleicht hier im Ruhrpott…

  3. Ich finde Deinen Beitrag zum BarCamp Offenburg sehr gelungen. In vielen Eindrücken finde ich mich wieder. Leider habe ich aus Zeitgründen das BarCamp in Offenburg verpasst. Ich beisse mir deshalb übrigens immer noch wohin. Einmal mehr frage ich mich, wann man sich endlich teilen können wird ;-).

    *Zum Thema*

    Ich schreibe Dir vor allem, weil ich eine einzige Einschätzung aus Deinem Beitrag nicht teile: Auch die von Dir sogenannten ‘Powerwebern’ können von Dir was lernen. Etwas zu lernen, ist eine komplexe Angelegenheit, die aus sehr unterschiedlichen Teilprozessen zusammengesetzt ist. Trotz einer schnellen Auffassungsgabe und einem tiefen Einblick in viele Bereiche der Szene nähern sich auch die grössten Cracks der Bewegung einem Thema aus einer subjektiven Richtung. Du kannst beispielsweise dafür sorgen, dass man ein Thema exakt durch Deine Augen sieht und wahrnimmt. Ohnedies ist es eine Binsenweisheit, dass niemand alles wissen kann. Und genau das macht aus meiner Sicht den Reiz von BarCamps aus. Viele aufgeschlossene Köpfe treffen sich und diskutieren über unterschiedlcihste Themen. Jeder einzelne bringt sich mit seinem ureigenen Blick und seinen Erfahrungen ein. Deine Sicht auf eine Sache ist dabei zumeist einzigartig. Abgesehen von diesem Aspekt sind Leute wie Oliver Gassner, Florian Krakau oder Markus Angermeier (das sind nur Beispiele) ebenfalls nur Teile in einem grossen Ganzen. Auch sie wissen nicht alles. Übrigens zeichnen sich gerade die grossen Cracks einer Szene genau dadurch aus, dass sie immer wieder neu durchlässig für neue Eindrücke bleiben.

    *Mein Fazit*

    So gut ich Dein Erstaunen nachvollziehen kann und Deine Eindrücke auf meinem ersten BarCamp ebenso hätte niederschreiben können: Auch Du hast uns allen was zu sagen. Übrigens, ich bin kein Zeuge Jehovas ;) .. es ist mir nur wichtig, Dich diesen einen Gedanken wissen zu lassen. Ich wünsche Dir noch viele interessante und einfach tolle Erlebnisse .. Ciao, Markus (aka Morgenland)

  4. Hi Roger, schön Dich, wenn auch nur kurz, nach den verpassten Gelegenheiten in Freiburg, mal getroffen zu haben ;-) Noch einen schönen, imho wahren Satz hast Du geschrieben, welchen zitierend ich auch in Markus’ Kommentarhorn stoßen will. “Ein Kind, das mit großen Augen und Ohren staunte ob dieser großen, spannenden Netzwelt, die so viel weiter ging, als bisher geahnt.” Genau so geht es auch mir nach gefühlten 20 Barcamps und großen Web-Konferenzen noch, wenn ich Sessions oder Keynotes erlebe, die mir einen ganz individuell vorgetragenen neuen Webstandpunkt vermitteln, den ich dankbar als frischen Input aufnehmen kann. Also, sehen wir Dich nächstes Mal mit einer Session? ;-) Übrigens, einen guten Post dazu findest Du ja bei Johannes: http://tautoko.info/2008/02/26/gedanken-zu-barcamps-2-hilfe-fuer-einsteiger/ Viele Grüße, Sebastian aka cbgreenwood

  5. Markus, den Wunsch, mich teilen oder klonen zu können hatte ich auf dem BarCamp auch. Ich verstehe deinen Absatz zum Thema so, dass so mancher Crack und Profi vielleicht irgendwann betriebsblind wird? Wenn ja, kann ich dir zum Teil zustimmen. Es liegt in der Natur der Sache, dass jemand, der sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, irgendwann so informiert ist und das Thema auch entsprechend behandelt, dass Anfänger da gar nicht mehr mitkommen können und es für den Profi entsprechend schwer nachzuvollziehen ist, weshalb die Anfänger es nicht können. Ich selbst merke es immer ,wenn ich meiner Mum etwas am Computer erkläre. Dinge, die für mich selbstverständlich sind, sind für sie komplett neu. An sowas denke ich zu oft nicht.

    Eine Session aus Sicht eines Normalusers könnte villeicht wirklich reizvoll sein. Wie erlebt die breite, nicht nerdige Masse das Netz? Wie nutzt der normale Hin-und-wieder-Konsument das Web2.0?

    Als ich bei Sven in seiner Blogforge Session saß, war ich der einzige, der nicht-technische Fragen stellte und wissen wollte, wie das Blogsystem sich bedienen lässt. Denn letztlich muss die Bedienung so einfach wie möglich und so komplex wie nötig sein, oder nicht?

    Ich danke dir für deine interessante Gedanken. Teile uns mehr davon mit.

  6. Hey Sebastian, ja fand ich auch. Aber es war natürlich viel zu wenig Zeit. Ich schätze schon, dass ihr mich wieder sehen werdet. Vielleicht sogar mit einer von Markus inspirierten Session über das Web2.0 aus Nicht-ganz-Nerd-Sicht (oder so ;-) ). Aber auf jeden Fall mit hoffentlich mehr Zeit bei uns beiden, um auch mal quatschen zu können. Bis bald.

  7. Hej Roger, ich habe doch gar nicht geschrieben, dass Du nur der Frauen wegen beim Barcamp gewesen bist. Ich habe nur Deine Festgestellung wiedergegeben, dass recht wenige Exemplare weiblichen Geschlechts anwesend waren.;-) Über das gleiche hatte ich mich kurz vorher übrigens auch mit der Burda-Pressereferntin unterhalten, der das auch aufgefallen war. Das Lustige ist, dass ich erst auf Caros Drängen hin den Absatz eingefügt habe. Sie wollte, dass ich dem Artikel mehr Reportage-Charakter gebe, und ich musste mir was aus den Fingern saugen…
    Na ja, vielleicht sehen wir uns auf einem Barcamp mal wieder, denn obwohl ich nur so kurz da war, habe ich doch irgendwie Blut geleckt.;-)
    Einstweilen liebe Grüße!
    Christoph

  8. Christoph, ja ich weiß. Aber wenn man den Satz so allein stehend liest, klingt es fast so, als sei dies mein einziges Problem gewesen. ;-) (Vielleicht wollte ich auch nur von vornherein jeglichem Ärger mit der Liebsten aus dem Weg gehen, die es garantiert so verstanden hätte ;-) )
    Trauriger Fakt ist aber natürlich, dass der weibliche Anteil an “ichsagmal Nerds” noch viel zu klein ist. Auf, Mädels! (Nicht falsch verstehen, Liebste)

    Das tut jetzt aber weh, dass der Abschnitt mit mir nur so “aus den Fingern gesaugt” eingefügt wurde. ;-) Da fühlte ich mich einmal geehrt… Na dann bis zum nächsten Barcamp, mit mehr Frauen und mehr Reportagigen Gesprächen.

  9. Eieiei, was man schreibt wird falsch verstanden! Ich finde, das hier ist ein tolles Beispiel dafür, dass geschriebene Sprache und Emoticons nicht das persönliche Gespräch ersetzen können!
    Aus den Fingern gesaugt war der Absatz nur insofern, als Caro mich am Montag darum bat, dem Text noch etwas hinzuzufügen, ich aber eigentlich ganz andere Dinge zu tun hatte. Ich hab mir dann überlegt, was mir hängen geblieben ist… Jetzt darfst Du Dich wieder geehrt fühlen!;-)

  10. Ich bin aber auch eine Zicke, gell? ;-)

    Und du hast absolut Recht, dass Geschriebens nie das gesprochene Wort wird ersetzen können. Mir fällt auch hier und da auf, dass sich einige gar nicht bewußt sind, wie schnell mal etwas missverständlich geschrieben sein kann. Da wird ein fehlender Smily, oder ein Ausrufezeichen, oder ein fehlendes Komma plötzlich zu einer Sinnentfremdung.

    Und Christoph, ich fühle mich natürlich geehrt. Scheißegal, warum ich in deinem Text aufgetaucht bin. Ich fühle mich ja schon geehrt, dass du hier kommentierst. Ich fühle mich eigentlich immer geehrt, wenn Leser komentieren und mir damit beweisen, dass sie meine Texte gelesen und darüber nachgedacht haben.

    So, ich hoffe, jetzt haben wir alle Unklarheiten beseitigt. ;-)

  11. Man möge mir das etwas verspätete Fazit verzeihen, aber ich denke ein paar Tage verstreichen zulassen um zu Resümieren, ist grundsätzlich gar keine so verkehrte Idee. Man gewinnt ein wenig Zeit, um das Wochenende sacken zu lassen und seine Erlebn…

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