ICE 884 – 10 Jahre Eschede
by Roger Graf
Jeder von uns weiß vermutlich noch, wo er am 11.September 2001 gewesen ist und was er gerade gemacht hat, als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen. Aber wer weiß noch, wo er am 3.Juni 1998 war? Nun, ich weiß es. Mag sein, weil ich damals noch selbst ICE Lokführer war. Ich werde diesen Tag kaum mehr vergessen können. Mit welchem Entsetzen ich am Fernsehgerät saß. Wie ich gerätselt habe, wie es dazu hatte kommen können.
Zur Erinnerung: am 3.Juni 1998 entgleiste der ICE 884 in der Nähe von Eschede aufgrund eines gebrochenen Radreifens. 101 Menschen starben, viele weitere wurden schwer verletzt. Das Unglück gilt noch immer als schlimmste Zugkatastrophe Deutschlands und der Ort Eschede wurde zum Synonym.
Genau 10 Jahre ist das Unglück nun her. Der NDR zeigt heute Abend um 21:45 einen Dokumentations-Spielfilm, der mit Schauspielern und nachgestellten Szenen die Ereignisse sehr bewegend erzählt. Aber auch Hintergrundinformation liefert der Film durch Interviews mit Zeugen, Betroffenen und Experten. So manche Sätze seitens der Bahn und ihrem Chef Mehdorn wirken (gewollt) zynisch. So manche schauspielerische Leistung lässt sehr zu wünschen übrig. Und für mich als Ehemaligen finden sich natürlich manch kleine, unstimmige Details. Nichts desto trotz bewegt der Film. Als die ARD ihn vor einigen Tagen bereits im Abendprogramm gezeigt hatte, merkte ich irgendwann doch, den Tränen nahe zu sein. Die für mich noch immer weit entfernte Katastrophe wurde zum ersten Mal zu etwas persönlichem.
Ich weiß noch, wo ich vor zehn Jahren war und wie ich mich gefühlt hatte. Und ich weiß auch noch, wie ich mich fühlte, als ich kurz danach wieder arbeiten ging und meinen ICE in Richtung Frankfurt beschleunigte.
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Comments
An diesem Tag haben wir ziemlich fieberhaft an unserer Abizeitung gearbeitet.
ich weiss auch noch, wo ich war: auf dem weg aus dem ruhrgebiet nach hamburg, zu meinem damaligen freund. im zug. als ich am späten nachmittag am hbf ankam, stand auf einer der infotafeln etwas von einem zugunglück in eschede. ich las enschede, und dachte an die stadt in holland.
in der zwischenzeit hatte eine ganze reihe meiner freunde, die wussten, dass ich auf dem weg nach norden war, versucht herauszufinden, ob ich in dem zug gewesen sein könnte. bei meinem damaligen freund, seinen eltern, meinen eltern, stand das telefon kaum still, an dem nachmittag. pre-handy-zeit und so. ich habe abends alle angerufen und die bilder im fersehen gesehen und es nicht glauben können.
ich fahre viel zug, sehr viel zug, und wenn irgendwas sich komisch anhört, oder anfühlt oder der zug unvorhergesehen bremst und ich mich erschrecke, wie nie, vor dem 3. juni 98, dann denke ich an radreifen und daran, wie fragil alles ist, radreifen, ice-züge, das leben.
Also auch eine persönliche, tragische Geschichte rund um eine aus der Ferne eher anonymen Katastrophe, Caro.
Ich habe komischerweise dann schnell bei der Fahrt nicht mehr daran gedacht, was alles passieren könnte. Oder ob mein ICE auch gerade fehlerhafte Radreifen hat. Was vermutlich auch besser war, denn sonst hätte ich den Job nicht machen können.
Ich meine mich auch zu erinnern, dass nach dem Unglück alle ICE in die Werkstätten abgezogen wurden.
Und ja, alles ist fragil. Züge, das Leben. Besonders bei hoher Geschwindigkeit.
ich weiss zwar nicht mehr genau wo ich war damals und ich hatte auch nichts mit der Bahn zu tun zu der Zeit, dennoch denke ich sehr oft daran wenn ich im Zug sitze und “seltsame Geräusche” höre… ich denke, dass sich die Bilder in so gut wie jedes Gehirn gebrannt haben
Ich war damals noch in der Ausbilung zum Lokführer (2. Ausbildungsjahr) und wir haben die Nachricht damals im Betrieb mitbekommen, irgendwie ist das damals recht schnell durchgesickert. Nachmittags habe ich dann bei einem Bekannten, der bereits Internet hatte (damals noch nicht selbstverständlich!) die ersten Bilder/Videos über div. Nachrichtenportale der großen Fernsehsender gesehen.
So richtig glauben konnte ich das alles erstmal nicht, aber jeder hat denke ich die Luftaufnahme mit dem zusammengeschobenen Zug vor Augen. Dass war auch das erste Bild, das ich gesehen habe.
Die folgenden Tage waren in unserer Ausbildungsgruppe natürlich geprägt von diesem Thema und zahlreichen sinvollen und sinnlosen Diskussionen.
@Roger: Ja, als bekannt war, dass ein gebrochener Radreifen die Ursache war, wurden alle 401er (so heissen die ICE-Züge der 1. Generation) abgestellt und bekamen neue Monoblock-Räder. Der radikale Umstieg führte damals zu einem extremen Engpass an ICE-Einheiten, sodass die alte IC-Lok 103 nochmal eine kurze Renisance erleben durfte und zahlreiche Ersatzzüge fuhr.
Der Kollege
Stimmt, Herr Kollege, jetzt fällt mir auch das alles wieder ein. Schade, dass ich nie die 103 Ausbildung genossen habe…