Ich muß mal kurz austreten – die Zweite

Es begab sich aber zu der Zeit als Graf Roger von Duisburg sich entschloss, der Kirche seine Mitgliedschaft zu kündigen und Gott verfügte, dass ein jeder mit einem solchen Vorhaben einen beschwerlichen Pfad der Prüfungen durchlaufen muss, auf dass sein Wille auf die Probe gestellt werden möge. So begab sich der Roger auf den Weg zum Amtsgericht. Und wahrlich, es sollte kein leichter Weg für ihn sein.

Zunächst war ich sehr überrascht, über die Sicherheitsmaßnahmen am Eingang. Erst nach Entleeren meiner Taschen und dem Durchleuchten der Inhalte wurde eine Ein-Mann-Glas-Schleuse geöffnet, in die ich eintreten musste und das Schließen der Tür hinter mir hörte. Dort blieb mir kaum Zeit, um über Klaustrophobie nachzudenken, die Schleuse öffnete die zweite Tür bereits und ich stand in einem sehr alten, dunklen Gebäude. Das Amtsgericht Duisburg. Nach links. Zimmer 82 suchen.

Ich ging einen langen Gang entlang. Einen sehr langen, langen Gang. Einen unglaublich langen, dunklen Gang. Und nach der Ecke weiter, lang, dunkel. Sehr lang. Also es war ein sehr langer, langer, laaaanger Gang. Etwas Zen-Artiges hatte dieser lange, lange, dunkle Gang. Ich ging irgendwann nicht nur diesen Gang entlang, sondern auch in mich, hinterfragte mein Vorhaben, meinen Platz in dieser Welt. Lange. Und dann erreichte ich Zimmer 82, klopfte und trat ein.

Ein – wie sagt man politisch korrekt? – Kleinwüchsiger hockte dort hinter einem viel zu großen Schreibtisch, in einem viel zu großen Zimmer und deutete auf den leeren Stuhl hinter dem viel zu großen Monitor, auf den er unverdrossen starrte. Ich nahm Platz und schilderte meinen Wunsch. Er begann, auf einem kleinen Schmierzettel Zahlen und Buchstaben zu notieren und verlangte dann nach meinem Personalausweis. Noch etwas erschöpft von meinem langen Marsch streckte ich ihm diesen entgegen. Zu kurz, wie sich mir erst viel zu spät erschloss. Stoisch hielt der Kleinwüchsige den Arm gestreckt und die Hand auf, bis ich es endlich bemerkte und mit einem leichten "Oh." meinen Hintern hob, um ihm das Dokument überreichen zu können. Ich glaube, ab diesem Moment mochte er mich nicht mehr.

Zum Beweis dieser Vermutung gab er mir den kleinen Zettel, den ich nur durch halbes Aufstehen erreichen konnte und erklärte mir, ich solle mit diesem Papier Zimmer 1 aufsuchen, auf dass ich dort meinen Wunsch nach Verlassen der Kirche auch durch Öffnen meiner Brieftasche beweisen könne. "Zimmer 1 finde ich wo?" fragte ich, doch wusste ich die Antwort bereits. Direkt am Eingang. So verließ ich den Raum und ging wieder den langen Gang entlang. Den wirklich äußerst langen, langen, dunklen Gang. Einmal um die Ecke und dann wieder laaaange. Noch einmal meditierend und dem Widerhall der eigenen Schritte lauschend, diesen langen, wirklich langen Gang entlang bis zu Zimmer 1.

Zimmer 1, auch Kassenbüro genannt, stellte sich wie eine Sparkassen Filiale aus den Sechzigern dar. Die Frau hinter dem Tresen und hinter dickem, schusssicheren Glas würdigte mich keines Blickes und sagte schlicht: "30 Euro." "Das wissen sie jetzt schon?" fragte ich und sie antwortete: "Natürlich, das ist der Standard Tarif." So so, der Standard Tarif. Also alles, was man zu tun gedenkt, kostet hier demnach 30 Euro? Das bedeutet, auch meine 30 Euro werden nur für den Verwaltungsaufwand benötigt, den ich dem Amt hier beschere? 30 Euro, um einen Schmierzettel ausfüllen zu lassen und einen langen, langen, wirklich langen – ihr wisst schon – dunklen Gang entlang zu laufen?

Als ich mit der ausgestellten Quittung erneut den langen, wirklich sehr langen Gang herunter lief (der war wirklich ganz schön lang, echt jetzt) war aller Zen-Buddhismus von mir gewichen. Mein Körper fühlte sich erschöpft an, die Mühlen des Staates und der Bürokratie waren dabei, mich mürbe zu mahlen. Dies war ein Psychokrieg, Zimmer 82 lag mit perfider, kranker Absicht so weit vom Eingang und von Zimmer 1 entfernt. Der lange dunkle Gang, den ich mehrmals entlang laufen musste, war eine Allegorie auf mein restliches Leben, mein langes, dunkles, trostloses Leben ohne Kirche. Ein Vorgeschmack sozusagen.

Ich musste erst einmal verschnaufen und blieb für einen Moment vor Zimmer 82 stehen. Dann trat ich ein, setzte mich wieder auf den Stuhl, halb verdeckt hinter dem großen Monitor und überreichte "Oh." die Quittung. Der Kleinwüchsige nahm sie entgegen und streckte mir dafür ein neues Blatt Papier herüber "Ah. Oh.", welches ich durchlesen und unterschreiben sollte. Da stand es. Ab sofort wäre ich kein Mitglied der evangelischen Kirche mehr. Ich unterschrieb und reichte ihm das Unterschriebene zurück. "Oh." Und natürlich auch den Kugelschreiber. "Oh. Verzeihung."

"In drei bis vier Wochen bekommen Sie schriftlich Bescheid. Damit gehen Sie zum Bürgerbüro im Einwohnermeldeamt", lauteten die Anweisungen des Kopfs hinter dem großen Schreibtisch. Meine Odyssee war also noch nicht vorbei. Und als ich zurück zum Ausgang den langen, wirklich langen, laaangen, dunklen Gang durchschritt (er schien immer länger zu werden. Also noch länger als er ohnehin schon war. Denn das war er. Lang) dachte ich nochmals darüber nach, wohin meine seit Jahrzehnten bezahlten Gelder wohl verschwunden waren. Wenn dieser Akt alleine mich 30 Euro, lange Fußmärsche und Besuche auf verschiedenen Ämtern in verschiedenen Teilen der Stadt kostete, in einer Zeit, in der es E-Mails, Fax und Telefone gibt, elektronische Datenübermittlung und -verarbeitung, so konnte ich mir immer farbiger ein Bild davon machen, wie wenig die Kirche wohl letztlich von den Steuereinnahmen sehen würde. Und wie wenig davon wiederum dort ankamen, wo sie gebraucht wurden, da auch die Kirche selbst eine einzige Bürokratie ist.

So verließ ich doch etwas befreit die Schleuse, ließ das große Gebäude hinter mir und trat hinaus in das grelle Sonnenlicht. Ich war ausgetreten, in vielerlei Hinsicht.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Und ich musste damals in Bayern – in BAYERN, wohlgemerkt – einfach nur einmal ins Rathaus, ganz ohne lange Gänge (nun gut, die Stadt ist auch kleiner) und ohne Wiederkommen…

  2. Als ich vor ähem… inzwischen rund 30 Jahren dasselbe Prozedere des Kirchenaustritts in Angriff nahm, lief es fast haarscharf genauso ab. Ein düstergraues Amtsgericht mit ebenso düstergrauen menschenähnlichen Beamtenwesen, ellenlange düstergraue Gänge zum mehrmaligen Durchschreiten (die Gänge waren innen sehr viel länger als das Haus von außen lang war!). Gebühren im Voraus, aber geringer als heute.

    Dröhnende deutsche Beamten-Langeweile und -Schwermut allenthalben. Die ganze Armseligkeit menschlicher Existenz versammelt in einem deutschen Gerichtsgebäude.

    Und zum Abschluss ein ganz düsterer Blick des zuständigen Amtmanns, der mir wohl noch unsägliches Unheil bescheiden wollte ob meines Kirchenaustritts.

  3. Ach, Du bist aus der *evangelischen* Kirche ausgetreten! Ja, dann verzeihe ich Dir alles 😀 Glückwunsch 😉

    Ein nicht ganz sooo ernstzunehmender Beitrag vom

    Kollegen

  4. Ach Roger,wir sind in Deutschland. Und noch ein Wort an den „Kollegen“: Solche Äußerungen sind sehr unpassend! Nicht ganz sooo ernst gemeint.;-)

  5. Jetzt muss ich doch mal meckern. Ich hatte mir beide Teile der Serie ausgedruckt und war doch etwas enttäuscht über die Banalität dieses Eintrags. Es ist zwar ein schöner Erfahrungsbericht à la gelber Passierschein A38, aber ein paar moralische Aspekte, wie ich sie im tollen ersten Teil gelesen habe, wären noch schöner gewesen.

    Trotzdem natürlich sonnige Grüße aus dem Schwarzwald

  6. Hm, wenn ich zu jedem banalen Artikel, den ich auf so manchen Seiten entdecke, einen Kommentar schreiben würde, wäre ich mehr mit Schreiben, als mit Lesen beschäftigt. Vielleicht liegt es ja eher an deiner Erwartung, als an der Qualität des Artikels. Die moralischen Aspekte zum Thema hatte ich im ersten Artikel ja bereits beleuchtet. Kein Grund, das hier nochmal zu tun. Mir gefiel diese Geschichte – und deshalb schrieb ich sie auf – wegen der absurden Situation. Die mir auch auf jedem anderen Amt aus jedem anderen Grund so hätte passieren können.

  7. Was das mit den banalen Artikeln angeht, hast du sicher Recht. Bei mir gibt es sicher mehr Triviales, als bei dir. Wollte dir eben nur meinen Eindruck schildern – hoffe das war ok?

  8. Darum geht es ja nicht. Es ist meiner Ansicht nach überhaupt nichts gegen Banales oder Triviales zu sagen, so lange es zumindest unterhaltsam bleibt. Ob es banal ist, entscheidet letztlich jeder Leser für sich. Auch anhand seiner Erwartungshaltung. Ich persönlich lese unterhaltsam banales ebenso gerne, wie informatives und hintergründiges.

    Und natürlich ist es absolut okay, deinen Eindruck zu schildern. Ich erwarte es sogar. Von allen. 😉

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