Die nasse Freundin

So ein Wasserschaden im Keller hat vielleicht auch etwas gutes. Derzeit stehen noch alle ehemals nassen Kartons in meiner Wohnung, während ich entscheide, was von den Inhalten ich noch weiter behalten will/kann. Einige Sachen sind kaputt, andere nicht und bei diesen gilt es nun zu überlegen, ob sie mir überhaupt noch wichtig sind, wenn sie doch nur in Kartons im Keller liegen. So auch mein Amiga nebst Zubehör. Ein ganzer Karton voller Disketten, Kabel, Mäusen, Competition Pro Joysticks, Büchern, einem Monitor und natürlich der nassen Freundin selbst gilt es nun zu sichten. Und selbst wenn bei meinem Test am Wochenende, ob das Gerät noch funktioniert und die Disketten überhaupt noch Daten enthalten (manche sind noch aus dem Jahr 1987 und den magnetisch gespeicherten Daten kann die Lagerung und die lange Zeit nicht gut getan haben), muss ich mich doch folgendes fragen: Will ich das alles behalten?

Ich bin ein Nostalgiker, was hin und wieder meinem "Simplify your Life" Prinzip im Wege steht. Von manchen Dingen, die ich nicht mehr benötige, kann ich mich problemlos trennen. Von meinem PC beispielsweise. Von anderen wiederum nicht. Mit meinem Amiga verbinde ich eben nicht nur Computerspiele, sondern ein Gefühl, meine Jugend, alles. Sehr emotional das Ganze, ihr versteht. Rational gesehen muss ich natürlich gestehen, das Gerät und all das Zubehör ausschließlich aus Nostalgiegründen zu behalten. Anschließen und nutzen tu ich das alles nicht mehr. Und wenn, dann stelle ich fest, dass meine Erinnerungen an die damaligen Spiele, an die Demos, die Programme, die Bedienung weitaus leuchtender sind, als die Realität. Ich muß damals viel Zeit gehabt haben, denn die Ladezeiten sind quälend. Auch habe ich damals wohl viel mehr meine Phantasie eingebracht, denn aus den einfarbigen Polygonklötzen erkenne ich heutzutage nichts mehr. Kurz gesagt, die Frage ist wirklich, ob ich diesen Karton weiter behalten soll.

Und diese Frage stelle ich mir ja nicht zum ersten Mal, wie ihr wisst. So lange ist es nicht her, dass ich mich auf den Weg machte, eine ganze Wagenladung Amiga Rechner und Spiele in einer fernen Stadt abzuholen. Bis auf meine eigenen Disketten und die meiner damaligen Demo Gruppe Addonic kann man so gut wie alles im Netz herunter laden. Was also spräche dagegen, den Nostalgiegefühlen per Emulator zu frönen? Nun, wie gesagt, die persönlichsten Erinnerungen gingen verloren. Und ein Emulator fühlt sich nunmal nicht an wie echt. Das ist wie Sex mit einer Gummipuppe (stell ich mir vor).

Was mich gleich zu meiner Frage bringt: Kann mir jemand einen guten Amiga Emulator auf dem Mac empfehlen? Offenbar werden diese nur unter Windows gehegt gepflegt. Für OS X fand ich nur alte Emulatoren, die seit der Jahrtausendwende nicht mehr weiter entwickelt wurden. Und möchte ich wirklich einen Emulator in einer virtuellen Maschine (Parallels oder so) laufen lassen? Sprich, quasi die doppelte Simulation?

Ist Nostalgie in unseren Köpfen schöner als in Wirklichkeit? Kämen wir heute noch auf die Idee unsere alten Musik Kassetten anzuhören? Andererseits erfreuen sich Schallplatten noch immer großer Beliebtheit. Würden wir wirklich noch Filme auf VHS kaufen? Andererseits wurden und werden alte Autos verehrt und geliebt. Ich kenne Leute, die noch immer mit alten Nintendo Entertainment Konsolen spielen.

Ich fürchte, dass ich mich pünktlich zu meinem nun nahenden 35. Geburtstag von alten Zöpfen trennen muss. Keine Kartons mehr im Keller stehend zu wissen, um die ich mich immer sorgen muß, kann etwas befreiendes haben. Hoch lebe meine Erinnerung und Phantasie. Kein Spiel kann so schön sein, wie ich es in meinem Kopf habe. Mach es gut, meine alte Freundin. Wir hatten eine wirklich tolle Zeit und du wirst immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hmm, wir haben uns darüber ja bereits unterhalten. Ich denke, es ist gut, wenn Du dich von den Sachen trennst und die Erinnerungen in Deinem Herzen pflegst.

    Ich komme derzeit aus gegebenem Anlass sehr oft in meine Heimatstadt, auch an die Orte, an denen ich aufgewachsen bin. Wenig von dem, was ich als Erinnerung gespeichert habe, ist heute noch so vorzufinden. Und das, was da ist, berührt einen meist nicht mehr so wie man es sich wünscht.

    Oder wie ein bekannter Kollege zu sagen pflegt: Die Welt dreht sich!

    Der Kollege

  2. Wenn man deinen Blogeintrag dazu nicht liest, könnte man meinen, du hast das beheizte Schwimmbecken im Wellnessbereich deines Kellers endlich fertig gestellt.

  3. Das wäre doch mal was!
    Wobei… so als Moorbad oder Heilerde-Kur würde das unten sicher schon fast wieder durchgehen…

  4. Wurgs. Ich habe eine Schimmelpilz-Allergie, so nebenbei erwähnt. Und dein Keller klingt irgendwie genauso ungesund wie meiner es ist.

    Ich habe heute im Radio übrigens gehört, dass Duisburg die Stadt mit den häufigsten Auszügen (Abzügen? Wegzügen? Fluchten? Emigrationen? Ihr wisst, was ich meine) von ganz NRW ist. Das kann aber doch nicht nur an nassen Kellern liegen? Oder ist das ein allgemeines Problem dieser Stadt?

  5. Wie äussert sich die Schimmelpilzallergie? Zumindest habe ich ein starkes Jucken in der Nase, aber das kann auch vom vielen Staub aufwirbeln kommen.

    Stadtflucht in Duisburg? Das MUSS an den nassen Kellern liegen. Und an dem hässlichen Vogel, der in der Innenstadt steht.

  6. Hmm, gute Frage. Die äußert sich vermutlich wie jede andere Allergie auch. Mit Jucken und Kratzen und Niesen und Ausschlag und hassenichgesehen. Ich kann es leider nicht auseinander halten, wenn ich wieder eine Heuschnupfenattacke habe. Beim Allergietest jedenfalls schlägt der Zeiger bei Schimmelpilz am stärksten aus.

    Mir fallen noch Dutzend weitere Gründe für Duisburgs Stadtflucht ein. Aber Nasszelle im Keller und Horrorvogel in der Stadtmitte gehört garantiert dazu.

  7. Nichts ist so schön, wie die Erinnerung. Sag Deinem Amiga „Good bye“ und sage ihm, dass auch ich ihn nie vergessen werde. Denn viele Jahre ward ihr zwei unzertrennlich und daher wusste ich immer wo Du zu finden warst.

  8. Ja, das werde ich. Ich habe übrigens festgestellt, dass es fast so viel Spaß macht, bei Youtube die Demos, Intros und Spiele als Video zu gucken. Keine langen Ladezeiten, kein Warten und Ärgern… einfach nur in Erinnerungen schwelgen.

  9. Um diesen netten Gedanken mit der Gummipuppe weiterzuspinnen: Du musst einer Puppe keine Geschenke kaufen und sie immer „“ertragen““, sondern sie nur rausholen, wenn du sie brauchst. Sonst liegt sie platzsparend ohne Luft im Schrank …

    Musikkasetten höre ich schon noch. VHS zu kaufen lohnt sich u.U. auch noch, falls man noch die Abspieltechnik hat und die Filme saugünstig sind. Zur Not gibt es ja Leute mit DVD-Rekordern …

  10. Wenn du deiner Freundin/Frau Geschenke kaufen und sie ertragen MUSST, dann wäre eine Gummipuppe wohl wirklich die bessere Alternative.

    So günstig kann übrigens keine VHS Kassette mehr sein. Bei ebay bekommt man DVDs auch schon für 1 Euro. Weniger geht dort gar nicht. Und überhaupt. VHS geht nun wirklich auch überhaupt gar nicht mehr!

  11. Was ich damit eigentlich sagen wollte (und was mir bei dem unteren Posting entfallen war), bezog sich auf die Emulatoren: Wenn sie ab und zu funktionieren, sind sie einfach besser zu handeln, als ein Karton voller Hardware.

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