Die Welt verstehen

Manchmal versteht man einfach die Welt nicht. Und man versteht sie oft deshalb nicht, weil einem das Hintergrundwissen dafür fehlt. So weiß ich bei allem Ärger mit der Deutschen Bahn, was hinter den Kulissen passiert, welche Probleme sich auftürmen, wie mit Sicherheit fieberhaft an Lösungen gebastelt wird. Der gemeine Kunde draußen am Bahnhof weiß davon natürlich nichts, ärgert sich und flucht.

Der Patient im Krankenhaus, der schon seit vier Stunden auf den Besuch eines Arztes wartet, flucht ebenfalls, sieht den Herrn Doktor in seiner Vorstellung mit den Krankenschwestern Kaffee trinken und flirten, während ihm selbst ein krankes Körperteil zu schaffen macht. Dass der Arzt überhaupt nicht an Kaffee denken kann, weil er seit 16 Stunden unter Strom steht und vor lauter Arbeit nicht nach kommt – davon kann der Patient natürlich nichts wissen.

Unser Blickfeld ist immer eingeschränkt. Und je weniger Informationen wir bekommen, umso quälender ist es, umso schwieriger zu verstehen ist diese Welt.

Mir ging es erst neulich wieder so, als ich in eine Baustelle auf der Autobahn fuhr. Also natürlich nicht in die Baustelle selbst, sondern in den Stau der sich bildete, weil plötzlich zwei Fahrspuren verloren gingen, um Platz zu schaffen für.. nunja, eigentlich nichts. Ich sah dort einen Bagger, hier eine Maschine, da ein Stückchen platt gewalzter Boden, dort einen Sandhaufen. Aber keinen Menschen und keine Bewegung. Nichts besonderes also. Allerdings sieht dieses Bild bereits seit gut einem Jahr so aus. Es scheint einfach kein bisschen voran zu gehen.

Auch hier muss ich natürlich gestehen, keinen Einblick zu haben. Jeder Arbeiter in der Autobahnmeisterei wird nun vermutlich stöhnen, wenn er das liest. Aber für mich als uninformierter Autofahrer ist es einfach unverständlich weshalb ein Hochhaus schneller in den Himmel wächst, als ein Stückchen Erde mit Teer bedeckt und platt gewalzt werden kann. Kann es denn so schwer sein, eine Grube auszuheben, Sand hinein zu werfen, diesen platt zu machen, mit der Wasserwaage zu überprüfen, Teer drauf, wieder zu walzen und Striche zu malen? Das ist doch in wenigen Tagen erledigt.

In meiner Welt. Aber meine Welt ist nicht die reale Welt. Und manchmal versteh ich die Welt einfach nicht. Aber immerhin weiß ich warum.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. hmmm…wie unterschiedlich Sichtweisen sein können! Ich für meinen Teil habe das Gefühl, die Welt zu verstehen und alles zu durchschauen! Problematisch nur, dass die Welt mich nicht zu verstehen scheint! *grins*

  2. Ich verstehe die Welt auch nicht mehr: Früher hatten wir die starke Mark und alle waren glücklich. Jetzt haben wir den starken Euro und alle heulen deswegen. Kann mir das bitte jemand erklären?

  3. Die Welt verstehen zu wollen habe ich bereits aufgegeben, es ist einfach zu komplex. Aber du musst es positiv sehen, so hast du immer was neues zu erkunden und zu hinterfragen. 😉
    Ach und was Baustellen angeht…. das werde ich auch nicht verstehen, ist dir mal aufgefallen das wenn die dann echt mal 2…3…Jahre später fertig sind, ist ein Jahr Ruhe und dann scheint es, als würden sie wieder von neuem beginnen…
    Aber um auch hier was positives raus zu ziehen: ich finde es immer spannend was einem im Stau so passieren kann. Ich habe bei der Gelegenheit schon den ein oder anderen Menschen kennengelernt und auch über Leute gelacht die in, für sie scheinbar unbeobachteten Momenten, etwas komisches gemacht haben 🙂

  4. @ B-Tina: So ist das, wenn man in verschiedenen Welten lebt. 🙂 Aber ich weiß, was du meinst. Auch ich denke immer, ich verstünde die Welt und bin dann doch überrascht, das dem nicht so ist. Was natürlich nicht an mir liegen kann, sondern die Schuld dieser eigenartigen Welt ist.

    @ Torsten: Vielleicht weil sich der Euro nicht stark anfühlt?

    @ Bri, ja das ist ähnlich wie bei Alzheimer: man lernt täglich neue Menschen kennen. Und Baustellen finde ich auch faszinierend. Ich bin auch ein begeisterter durch-das-Loch-im-Zaun-Gucker… aber eine Autobahnbaustelle nervt mich doch um einiges mehr, als ein neu errichtetes Einkaufszentrum

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