Der elfte September wird verfilmt

Jede Generation hatte eine Frage, die jeglichen, ins Stocken geratenen Small Talk wieder beleben konnte. So fragte man sich vor einigen Jahrzehnten beispielsweise gerne, wo man gewesen sei, als John F. Kennedy erschossen worden war (man meinte damit natürlich, ob man denn ein Alibi hätte). Jahre später wurde gerne gefragt, wo man denn gewesen sei, als Bobby Ewing starb (man meinte damit natürlich, ob man ernsthaft diesen Unsinn angeguckt hat). Heute hat unsere Generation auch eine dieser Fragen. Wunderbar. Der Retter in peinlichen Situationen, wenn man partout nicht mehr weiß, was man sein Gegenüber noch fragen könnte (nachdem man die Anzahl der Lover und die Lieblingsstellung schon weiß (und vielleicht sogar den Vornamen)). Die Frage lautet: Wo warst du am elften September?

Interessant dabei ist zunächst, dass man nur nach dem elften September fragen muss. Nach dem Jahr fragt niemand. Als hätte es zuvor nie einen elften September gegeben, oder als gäbe es seitdem auch keinen mehr. Der elfte September ist selbst zu einem Begriff geworden. Derelfteseptember! Oder so.

Nun, ich weiß, wo ich damals war. Ich musste arbeiten als es passierte und ich hörte auf meinem Nachhauseweg im Radio davon. Ich fuhr zu zwei Freunden, die schon auf mich warteten, weil wir – könnte es schicksalhafter sein – über unsere Zukunft sprechen wollten. Und das taten wir auch, während wir zwischen den Kanälen am Fernseher hin und her sprangen.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, ich war weder damals noch heute so geschockt, wie man es vielleicht erwarten sollte. Sondern mehr fasziniert. Mich faszinierte die Idee, diese Präzision, diese Kaltblütigkeit. Das klingt grausam, ich weiß. Natürlich war es schrecklich, was dort geschah, natürlich dachte ich an all die Toten und Verletzten. Aber seien wir mal ehrlich. Es war ein Medienereignis. Und genau so war es auch geplant worden (von den Bösen). Und zelebriert (von den Bösen und den „Guten“). Hätten diese zwei Hochhäuser in, hm, sagen wir mal, Rio gestanden, hätten wir zwar Berichte darüber gesehen, aber nach zwei Wochen wäre die Geschichte vergessen gewesen. Mir missfiel schon damals dieser Zwang, entsetzt zu sein, nur weil es das Herz der USA getroffen hatte. Mir wollte kein Grund einfallen, warum dieser Anschlag schlimmer sein sollte, als all die anderen Gräueltaten die auf dieser Welt tagtäglich geschehen (viele übrigens im Namen der USA).

Nein, ich saß wirklich vor dem Fernsehschirm und dachte nur bei mir: Mein Gott, das ist ein Filmstoff. Hollywood hätte sich das nicht besser ausdenken und inszenieren können.

Viele Menschen dachten ähnlich. Ich erinnere mich daran, wie ein Aufschrei durch die Welt ging. Genauso wie der Anschlag in den Medien zelebriert worden war, zelebrierte man nun die Suche nach den Schuldigen. Und die waren schnell gefunden. Der Taliban an erster Stelle. Und gleich danach tatsächlich Hollywood, die mit ihren grausamen Filmen und spektakulären Spezialeffekten doch erst die Idee für diese Tat geliefert hatten (später kamen noch Flugsimulationshersteller und Fernsehsender, der Teufel selbst und Michael Moore dazu).

Tatsächlich reagierte Hollywood und ruderte heftigst zurück. Der damals bereits zu Ende gedrehte Spiderman musste ein neues Finale bekommen, weil der Endkampf in den Twin Towers stattfand. Alle Filme, die mit Terrorismus zu tun hatten wurden gecancelt oder verschoben. Man begann, die Zwillingstürme überall zu entfernen, um sich keinem Sturm der Entrüstung auszusetzen. So wurde die Serie Friends beispielsweise so bearbeitet, das nirgendwo mehr die Türme zu sehen waren. Auch Sex and the City kam in den Schneideraum. Stimmen wurden laut, dass Actionfilme generell verboten werden sollten. Man sollte sogar alle Actionfilme aus dem TV und den Videotheken verbannen. Schauspieler, die in diesen Filmen groß geworden waren, bekundeten öffentlich, nur noch Schmusefilme zu drehen (Bruce Willis zum Beispiel (der wieder in sein altes Genre zurück gekehrt ist, wo der Erfolg und die Gage größer ist)).

Die Empörung nahm eine Größe an, die jenseits jeglichen gesunden Menschenverstands lag. Beinahe schien es, als wollte man die Geschehnisse so ungeschehen machen, indem man sie zumindest im Fernsehen einfach wegwischte.

Aber….

wer tatsächlich daran glaubte, kann nicht von dieser Welt sein. Wer tatsächlich dachte, dieser Terroranschlag würde irgendetwas an unserem Medienverhalten oder Filmen verändern, hat so dermaßen keine Ahnung. Jedem musste damals und muss auch heute doch klar sein, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich jemand den Stoff schnappt und einen Film darüber dreht.

Als Michael Moore seinen Fahrenheit 9/11 heraus brachte, machte er es noch ganz clever. Er spielte zwar auch mit diesem Thema, aber er zeigte die Einschläge nicht. Es erschien die Schrift Derelfteseptember (oder so) und darunter hörte man einige Minuten lang die Geräusche, die schon über jeden Fernsehkanal gekommen waren. Dennoch thematisierte er die Anschläge und hatte damit Erfolg.

Nun ist allerdings die Zeit gekommen, in der wir eine Welle von Filmen erwarten dürfen, die sich als Vergangenheitsbewältigung aufspielen. Die Schonfrist ist vorbei. Und die Pietät auch. Jetzt wird Geld gemacht.

Flight 93 heißt ein Film von Paul Greengrass, der darin von „den ersten Menschen, die nach dem 11.September lebten“ erzählen will. Nämlich den Passagieren die im Wissen um die Anschläge ihre Maschine in Pennsylvania zum Absturz brachten. Gedreht wird mit Handkameras, um dem ganzen einen realistischen Touch zu geben. Dazu gesellt sich Oliver Stone, seines Zeichens ohnehin der Vergangenheitsbewältiger schlechthin, der schon herausfand, wer „JFK“ umgebracht hatte. Er bringt im August seinen Film in die deutschen Kinos der entweder „9/11“ oder „World Trade Center“ heißen wird. Es wird auf jeden Fall ein Titel sein, der zieht. Darin wird die Geschichte von den letzten beiden Polizisten erzählt, die lebend aus den Trümmern geborgen worden waren. Weiterhin werden wir eine Verfilmung des Romans 102 Minutes sehen, der die Geschehnisse in der Zeit vom Einschlag bis zum Einsturz der Türme beleuchtet.

Weitere Projekte seien in Planung wie man in diversen Foren lesen kann. (Steven Spielberg gibt schon ein erstes Anzeichen in seinem „München“, in dem er bewusst das World Trade Center am Schluss seines Terrorstreifens erscheinen lässt)

Machen wir uns nichts vor. Hier geht es nicht darum, den Zuschauern ein differenziertes oder objektives Bild über die Geschehnisse zu liefern. Es geht nicht darum, uns die Grausamkeit des Terrors vor Augen zu führen. Hier geht es nur um Geld. Hollywood weiß so gut wie jeder andere, welch phantastischer Stoff in dieser Tragödie steckt und wir werden noch viele Filme sehen, die das wunderbar ausschlachten. Und zwar immer detailierter. Die oben beschriebenen Filme werden mit einer Protestwelle in die Kinos kommen, die natürlich nichts anderes als gute Werbung ist. Spätere Filme werden diesen zweifelhaften Bonus nicht mehr haben und müssen daher mit mehr Details punkten.

Und irgendwann wird der Blockbuster herauskommen, in dem wir sehen, wie die Maschinen entführt werden und wir werden in spektakulären Effekten (in Egoperspektive) sehen, wie sie in die Türme rasen. Wir werden in den Kinosesseln sitzen, fassungslos den Kopf schütteln und uns gruseln, uns denken, dass so etwas nie wieder geschehen darf und wenn wir nach dem Kinobesuch noch einen Cocktail trinken gehen, werden wir uns fragen, wo wir eigentlich waren amelftenseptember. Ich weiß es.

 

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war zu Hause und habe mit Dir telefoniert während ich mir die furchtbaren Bilder im Fernsehen angeschaut habe und erst dachte, daß wäre irgend ein Actionfilm. 🙁

  2. du hast mir von der seele geschrieben! das einzige was ich ganz sicher nicht tun werde, ist mir irgendeinen film im kino anschauen der dieses thema auch nur berührt! ICH werfe mein geld nicht auch noch da rein 🙁 ich habe mir auch fahrenheit 9/11 nicht angeschaut…
    und eines ist sicher, wäre derelfteseptember in rom passiert, dann hätten es alle schlimm gefunden, 2 wochen lang!
    wie ich mich jedes mal über dieses thema aufregen kann eh!
    und ich weiss auch wo ich war am elftenseptember, bei der arbeit, habs im radio gehört und fand es schlimm. habs im fernsehen gesehen und fand es schlimm, traurig und erschreckend. aber noch schlimmer finde ich die ‚trauerfeiern‘ jedes jahr bei denen alle namen verlesen werden… jedes jahr die selben bilder zeigen! warum wird nicht jedes jahr eine sondersendung über den untergang der titanic gezeigt? mit vorlesen aller namen? 😀

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