Ganz schön nuttig

Auf unserem Balkon stehen riesige Blumentöpfe in denen Palmgras seit langem verzweifelt versucht zu überleben. Mein Vormieter hatte sie mir überlassen und das Gestrüpp sah bis zwei Monate nach seinem Auszug auch recht hübsch aus. Dann wurde es braun. Und grau. Und lichter. Und dann kamen Brennnesseln und Pilze dazu, Ameisen und Birkenbäumchen und ach – mit einem Male bildete sich ein Biotop auf meinem Balkon. Die damalige Freundin kultivierte und schnitt und pflegte, doch es war eine Sisyphusarbeit. Nun, da der Umzug ansteht und die liebe Hausverwaltung plötzlich bemerkt hat, dass die Kübel seit etwa zehn Jahren nicht da stehen dürften, hat man uns aufgetragen, alles zu entfernen. Doch wohin mit soviel Erde, Steinen, Wurzeln und Grünzeug?

Ein Anruf bei der Duisburger Abfallwirtschaft fruchtete wenig. Man verwies uns an private Entsorgungsfirmen. Diese verlangen für Schnittgrün Geld und Erde nehmen die schon gar nicht. Bei der zweiten Firma war ein junger Kerl am Telefon. Dieser riet mir tatsächlich, die Kübel ins Auto zu packen, raus aufs Land zu fahren, an einem Feldweg stehen zu bleiben und den Dreck einfach auszukippen. "Ist ja alles Natur und Grün. Und vielleicht hat ja sogar noch ein Tierchen seine Freude dran", sagte er. "Und das ist legal?" wollte ich wissen. "Natürlich. Aber vielleicht sollten sie dennoch einen Blick in den Rückspiegel werfen, bevor sie alles ausladen."

So trugen die damalige Freundin und ich heute die unfassbar schweren Kübel hinunter und wuchteten sie ins Auto. Es war kurz nach Sechs und bereits dunkel, als wir los fuhren. Ganz in der Nähe meiner Wohnung befindet sich ein riesengroßer Parkplatz in einem Waldstück. Der Plan war, auf diesen Parkplatz zu fahren und die Erde in den Wald zu kippen. Schon in der Einfahrt zum Parkplatz kamen mir zwei Autos entgegen, weitere fuhren weiter hinten auf dem Parkplatz herum. Eigenartig, dachte ich mir, vermutlich letzte Besucher aus dem Zoo. Wir parkten unser Auto, mit der Heckklappe zum Wald. Ein weiteres Auto fuhr an uns vorbei. Langsam, im Schritttempo. Dieter saß darin. Sein Name stand auf einem Schild im Rückfenster. Und noch bevor ich die Tür öffnen konnte, kam schon das nächste Fahrzeug. Und dahinter wieder eines. Erst jetzt fiel uns auf, dass diese Wagen alle im Kreis fuhren, im Schneckentempo, mit gebührendem Abstand. Eine Parade?

Dann sahen wir sie. Eine junge Frau, die neben ihrem Auto stand. Die Dicke ihrer Jacke hob sich auffällig von der Dünnheit ihres Röckchens ab. Und das Röckchen war nicht nur dünn, sondern auch kurz, legte den Blick frei auf Netzstrümpfe, die in schwarzen Stiefeln mündeten. Ein Wagen hielt neben ihr, sie beugte sich vor, dann fuhr das Auto weiter. Die anderen warteten geduldig, fuhren wieder an und drehten weiter ihre Runden. Etwa dreißig bis vierzig Autos umrundeten die junge Frau wie Motten das einzige Licht.

Ich gebe zu, man hatte mir von diesem Parkplatz schon erzählt. Allerdings war ich davon ausgegangen, dass hier nur Samstag Nachts oder so, ab Mitternacht oder so, etwas los sei. Nicht unter der Woche nach Einbruch der Dunkelheit. An ein Entsorgen der Erde war natürlich nicht mehr zu denken. Wir sahen zu, von diesem Parkplatz herunter zu kommen, reihten uns in die Parade ein und fuhren langsam Richtung Ausgang. Und mieden Blickkontakt mit den mittlerweile zwei Damen die bestiefelt im regennassen Laub standen. Wer weiß wie viele von ihnen später hier stehen würden. Im Drei Meter Abstand? Die ganze Nacht?

Bald fanden wir einen anderen Parkplatz, kippten die Kübel aus und sahen zu, wie die Blumenerde und die Wurzeln eins wurden mit Mutter Natur. Und den anderen Parkplatz werden wir nur noch bei Tageslicht aufsuchen. Übrigens, wir haben die Plastikkübel natürlich mit genommen und wirklich nur Erde und etwas Grün verschüttet.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ich lach mich kaputt, ihr wart nicht wirklich auf DIESEM einen Parkplatz?!?!? ihr hättet ja euer Grünzeug ja sicher auch an die Herren in den Autos verfüttern können… 😀

  2. Schöne Geschichte 🙂 Jetzt wissen wir zumindest, wie es auf dem Parkplatz dort abgeht.

  3. Ja, wir waren tatsächlich auf DIESEM einen Parkplatz. Der zum Sündenpfuhl wird, sobald die Sonne verschwunden ist. Und so genau will ich gar nicht wissen, was dort abgeht. 🙂

  4. Uh, sag das nicht. Wenn ich das nächste Mal dort spaziere, werde ich vermutlich absichtlich liegen gelassene Kondome bemerken. Brrr.

  5. Klingt wie ein DriveIn 🙂 Bestellen und im Kreis fahren

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