Jahr: 2023

  • Alles eine Frage der Skala

    Alles eine Frage der Skala

    Noch vor wenigen Jahren besaß ich einen AV-Receiver (quasi ein Musik-Verstärker mit zusätzlicher Videoausgabe) mit zugehörigem 5.1 Lautsprecher Set und gut versteckter Verkabelung im Wohnzimmer. So ein mächtiger, schwarzer Kasten, der wahnsinnig viel Strom verbrauchte, eine Menge Wärme erzeugte und die Leistung für die Lautsprecher bereitstellte. Die Bedienung des Geräts stammte noch aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, wie bei vermutlich all diesen Firmen aus diesem Zeitalter. Wirklich großartig war das große Rad auf der Vorderseite zur Einstellung der Lautstärke. Im Allgemeinen Potentiometer oder liebevoll nur Poti genannt. Diese Art der Bedienung ist seit vielen Jahren unverändert und vermutlich jedem bekannt. Das Drehen des Rades an meinem Receiver war immer sehr befriedigend, fest und mit leichtem Widerstand aber dennoch weich und gut dosierbar. Außerdem übermittelte das Rad beim Drehen regelmäßige winzige Vibrationen und suggerierte somit eine Art Skala. Jede Vibration war eine Veränderung der Lautstärke um eine Stufe. Jedoch, derartige Skalen funktionieren nicht überall gleich gut.

    Es scheint eine Kunst zu sein, eine Skala an einem zu bedienenden Element korrekt einzustellen. Mein AV Receiver erledigte diese Funktion mit Bravour. Allerdings nur an dem Rad. Die Fernbedienung wiederum hatte ein anderes Verständnis davon, in welchen Schritten sich die Lautstärke verändern sollte. Sie erhöhte und verringerte per Tastendruck deutlich schneller bzw. stärker. Oder anders gesagt, um das gleiche Maß an Veränderung zu erreichen, hätte ich recht lange am Rad drehen müssen. Zudem hatte die Fernbedienung den mir völlig unverständlichen Bonus, bei längerem Druck zu beschleunigen. Ist ja auch total sinnvoll, beim Versuch etwas lauter zu machen nicht gleichmäßig bis Stufe 12 zu gehen, sondern schlagartig auf Stufe 87 zu beschleunigen. Inklusive Hör-, Herz- und Wohnungsschäden.

    Die Zeiten haben sich geändert und jetzt steht eine Sonos Anlage im Wohnzimmer. Die Bedienung erfolgt quasi ausschließlich per App, vom Smartphone oder Macbook aus. Und auch hier kommt mir die unterschiedliche Interpretation der Skalen eigenartig vor. Um die Lautstärke am Gerät zu verändern, müssen die Touch-„Knöpfe“ recht lange gedrückt werden. Auch hier ist der Spagat schwierig, nicht zu lange auf dem Knopf zu verharren, sondern lieber in vielen Einzelschritten „fein zu tunen“. Noch etwas eigenartiger ist die Bedienung am Mac. Meist erhält man als Anwender gar keine Skalenbeschriftung mehr, sondern ist gezwungen sich an der Postion eines Punktes auf einer schmalen Grafiklinie zu orientieren1. Dieser Punkt muss dann pixelgenau auf der Linie verschoben werden. In meinem Fall jeweils nur um wenige Pixel.

    Die Applikation eines Drittherstellers zeigt mir die Lautstärke in Prozent an. Und meist steht sie in unserer Wohnung auf ca. 7 Prozent. Das ist völlig ausreichend. Morgens, oder wenn ich nur leise Hintergrundberieselung wünsche, stelle ich sie auf 2 oder 3 Prozent und selbst dann kann es in Einzelfällen noch zu laut sein. Aber weiter runter geht einfach nicht. Danach herrscht nur noch Stille. Ich bewege mich also stets in vorsichtigen Bereichen von 2 bis 7 Prozent. Und frage mich, was ich mit den restlichen 93 Prozent anstellen soll. Wer würde die Anlage derart hoch aufdrehen? Ist das wirklich noch sinnvoll? Und wäre es nicht besser, meine präferierte Lautstärke in kleineren Skalenschritten im Bereich von vielleicht 0 bis 30 Prozent steuern zu lassen? So dass 30 Prozent guter Mietswohnung-Beschallung entspricht?

    Unser Toaster hat ebenfalls ein Poti an der Vorderseite, um den gewünschten Bräunungsgrad des Brotes einstellen zu können. Die Skala unter der Überschrift „Toast Colour“ zeigt Stufen von 0 bis 6 an. Vor einiger Zeit las ich in einem Artikel, diese Stufen seien nicht willkürlich gewählt, sondern sollen tatsächlich die Minuten widerspiegeln, in denen das Brot bis zum gewünschten Ergebnis getoastet wird. Ich habe das nie geprüft.

    Was mich zur Weißglut toastet, ist die Tatsache, dass das Rad quasi keinerlei Widerstand hat und sich bei der leisesten Berührung in irgendeine Richtung dreht. Und sich zusätzlich das perfekte Bräunungsergebnis ausschließlich im (unglaublich schwer zu treffenden) Skalenbereich zwischen 3,7 und 3,9 befindet. Bei 3,6 ist der Toast noch weiß, bei 4 ist er verbrannt. Es ist daher ungemein wichtig, vor jeder Toastherrstellung penibel darauf zu achten, das Rad nicht versehentlich bewegt zu haben und die präzise geschätzte Einstellung einem nicht das Frühstück versaut.

    Ja, es ist schon eine Kunst, Skalen korrekt und benutzerfreundlich einzustellen, ganz gleich ob in der physischen Welt oder in der digitalen.

    1. Interessante Randnotiz: Das Wort „orientieren“ bezieht sich tatsächlich auf den Orient, denn im Mittelalter wurden christlich geprägte Landkarten noch nach Osten ausgerichtet, wo die Sonne aufging und sich Jerusalem befand, also im Orient. Daher orientierte man sich nach dem Orient ↩︎
  • Meine Experience beim UX-Festival der GermanUPA in Erfurt

    Meine Experience beim UX-Festival der GermanUPA in Erfurt

    „You are not the user“ ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Regeln im Bereich des User Experience Designs. Egal wie sehr wir es durch Zuhören, Beobachten und mit Empathie versuchen, als Designer werden wir nie das gleiche erleben wie echte Anwendende, die in einem anderen Kontext stecken, anders denken, anders empfinden. Doch auch wir UX Designer sind Menschen und oft nichts weiter als User, die eine Experience haben (wir betrachten sie vielleicht nur anders – Berufskrankheit).

    Wenn ich also über das mittlerweile zweite UX-Festival der GermanUPA in Erfurt am 17. und 18. Juni 2023 berichten möchte, könnte ich die Fakten aufzählen, die einzelnen Vorträge auflisten, die Menschen, die ich kennenlernen durfte mit Namen nennen. Oder ich könnte einfach versuchen, meine User Experience zu beschreiben.

    Die User Journey

    Die Reise begann mit einer Bahnfahrt mit meinem ehemaligen Team, einem Hotel in angenehmer Nähe zum Bahnhof, einem abendlichen Spaziergang durch die Erfurter Altstadt und einem gleichzeitigen Bummel über das bunte und vielfältige Erfurter Krämerbrückenfest. Der Spaziergang am nächsten Morgen zum Zughafen, der Event-Location in alten, urigen Hallen des nahegelegenen Güterbahnhof, zauberte uns ein Lächeln herbei, denn kleine, auf die Straße gemalte UX-Wegweiser leiteten uns. Es sind die Details, die den Unterschied machen. Das Lächeln verließ uns nicht bei der Ankunft am Veranstaltungsort, der Ausgabe unserer Teilnehmer-Badges, der herzlichen Begrüßung von vielen orange gekleideten Helfern und der Vorfreude auf die kommenden Tage. Schnell wurde klar, was uns alles an diesem Barcamp geboten werden würde.

    Community
    UX Sign

    Informations- und Navigationsarchitektur

    Wer das Prinzip eines Barcamps noch nicht kennt: Jeder Teilnehmende kann eine Session zu einem bestimmten Thema einreichen, dann wird die ungefähre Teilnehmerzahl ermittelt, um daraufhin einen passenden Zeitslot und eine Örtlichkeit für die Session zu finden. Sessions können Workshops sein, Vorträge, Präsentationen, Gesprächsrunden oder gar Selbsthilfegruppen. Alles ist erlaubt.

    Auf dem UX-Festival mussten insgesamt 62 mögliche Sessions in 5 Zeitslots an 8 (oder mehr) unterschiedlichen Plätzen in eineinhalb Tagen verplant werden. An einem Whiteboard oder auch online konnte man sich jederzeit informieren, wo welche Session stattfindet. Hat man das Gefühl, in einer Session nichts mehr mitnehmen oder beitragen zu können, kann man sie jederzeit verlassen, eine andere besuchen oder etwas völlig anderes zu tun. Die großartige Moderation und die Möglichkeit, mitgestalten, mitarbeiten oder sich zurücklehnen zu können, vermittelte im Vergleich zu anderen, starren Konferenzen ein gewisses Gefühl der Freiheit.

    Sessions

    Content, Margins, Whitespaces

    Neben all der Annehmlichkeiten und der Freiheit ging es auch in diesem Jahr darum, zu lernen, Erfahrung zu sammeln, sich auszutauschen. Die Sessions waren bunt und vielfältig. So wurde erklärt, wie Gamification in Produkten genutzt werden kann, wie man mit Hippos (Highest paid persons opinion) umgeht, wie man die eigene Perfektion in den Griff bekommt und wo UX bei der Nachhaltigkeit unterstützen kann. In weiteren Sessions wurde erörtert, was die Gastronomie mit UX zu tun haben könnte. Es wurde dafür geworben, weitere Mentoren zu finden (eine Runde, in der ich selbst ein wenig beitragen konnte). Und der Arbeitskreis UX Writing, in dem ich Mitglied bin, berichtete von seinen bislang erarbeiteten Heuristiken, die im September auf der Mensch und Computer Konferenz (ebenfalls von der GermanUPA) vorgestellt werden sollen.

    Nachhaltig beeindruckt hatten mich zwei Workshops. Zum Einen „Perspektivenwechsel bei der Produktentwicklung“ von Thomas Hermenau. Und zum zweiten „Was macht UX Management“ von meinem persönlichen Helden Dominique Winter. Im Perspektivenwechsel-Workshop war die Aufgabe eines Teilnehmers die Rolle eines Product Owners einzunehmen, der nur durch sprachliche Anweisungen einer Gruppe von Entwicklern (wir anderen) mitteilen durfte, wie ein Auto aus Legosteinen gebaut werden sollte. Die Anleitung dafür war am anderen Ende des Raumes, wodurch der Product Owner zusätzlich die Schwierigkeit hatte, sich Dinge zu merken zu müssen und diese so zu vermitteln, dass die Erbauer es verstanden. Es dürfte keine Überraschung sein, dass am Ende ein Auto gebaut wurde, das nur grob aussah, wie gedacht. (Schönes Randdetail dabei, dass die Entwickler natürlich bereits mit dem Bau des Autos begonnen hatten, noch bevor der Product Owner etwas dazu gesagt hatte – weil, ist ja klar, wie ein Auto aussehen sollte, ne?)

    Im UX Management Workshop bestückten drei Gruppen unter Zeitdruck jeweils ein Poster mit relevanten Punkten zum Thema UX Ziele, UX Strategie und UX Ressourcen, stellten die Inhalte vor und wechselten dann zum jeweils nächsten Poster, um dieses mit größerem Zeitdruck zu ergänzen. Nach dem dritten Wechsel war es faszinierend zu sehen, wie viel dermaßen guter Content in nur 45 Minuten erstellt worden war. Einfach durch die Tatsache, dass die Teilnehmer motiviert waren, Spaß hatten und die Methode perfekt passte.

    Sessions

    Research und iterative Verbesserungen

    Die Veranstalter hatten auf die Teilnehmer des ersten UX-Festivals gehört. So wie richtige UX Professionals es nunmal tun. Dinge, die im Jahr zuvor nicht ganz reibungslos funktionierten, wurden geändert, alles weitere blieb oder wurde verbessert. So waren die Locations der einzelnen Sessions besser voneinander getrennt, um akustische Störungen zu vermeiden. Das Catering war in diesem Jahr günstiger platziert, qualitativ deutlich besser und – zu unserer Überraschung – sogar kostenlos dank großzügiger Sponsoren.

    Neben kostenlosen Getränken standen jederzeit Obst und Süßigkeiten zur Verfügung und der Zughafen selbst gab weiterhin viel Raum, um es sich zum Beispiel in Liegestühlen bei bestem Sonnenwetter in feinem Sandstrand gemütlich zu machen und sich auszutauschen. Daneben stand im Angebot T-Shirt Druck, Yoga, Tanz-Akrobatik mit alten XBox Kinect-Controllern, ein Eisstand, eine kostenlose Fotobox und natürlich auch die obligatorische Disco. Ob das spätabendliche Feuerwerk zum Krämerbrückenfest oder doch zum UX-Festival gehörte, konnte nicht abschließend geklärt werden, war aber eine gelungene Krönung.

    Healthy Food

    FOMO und zu viele Optionen

    Wenn es Kritik anzumelden gibt, dann vielleicht diese: Die Masse an Teilnehmern, Sessions, Locations und Möglichkeiten machten es mir schwer, Entscheidungen zu treffen. „Too many options“ ist ein weit verbreitetes Problem heutiger Systeme und führt zu schlechter User Experience. Auch wenn das „Law of two feet“ galt (also die Möglichkeit, jederzeit Sessions zu wechseln oder zu verlassen) hatte ich zu oft das Gefühl, spannende Dinge in den anderen, parallel laufenden Sessions zu verpassen. Auch zum gemütlichen Austausch war oft wenig Zeit, weil ein jeder in die nächste Session wollte. Ein Luxusproblem, gewiss. Aber eines, auf das man sich vorbereiten sollte. Denn wenn die Teilnehmerzahl jährlich steigt, werden auch die Sessions und die Optionen jährlich mehr werden. Und ob es dann eine gute Idee ist, das Festival über drei Tage zu machen?

    Auch wurde in der Vorstellungsrunde zwar grob erklärt, welchen Inhalt jede Session haben sollte – im späteren Entscheidungsprozess war es dann aber doch etwas schwer, sich zu erinnern oder einen Überblick zu bekommen, um eine „gute“ Entscheidung treffen zu können. Natürlich, keine Entscheidung war am Ende falsch, jede Session und jedes Gespräch war genau richtig. Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, blieb bei mir dennoch.

    Lego Enten

    Die Experience

    Das UX-Festival ist und war auch diesmal geprägt von tollen Menschen, von Offenheit, Neugier, Menschlichkeit. Von einem großartigen Miteinander und einem ständigen Wir-Gefühl. Zwei Tage hatte ich das starke Gefühl unter meinesgleichen zu sein, unter Menschen, die mich verstehen, meine Nöte und Probleme kennen. Menschen, die bereits in ähnlichen Situationen steckten oder gerade dabei sind, dort hinein zu geraten und froh sind, von anderen lernen zu können.

    Es war phantastisch zu erleben, dass unter den etwa 300 Teilnehmern nicht nur UX Professionals gekommen waren, sondern auch Entwickler, Produktmanager, Strategen, Marketingleute, die alle an diesem großen Thema UX arbeiten und verstehen wollen, wie wir es schaffen, gute UX zu etablieren. Denn auch das hat dieses Festival wieder gezeigt: Es geht am besten (oder gar nur) gemeinsam. Und: Es sind die Menschen, die gute UX schaffen, die verstehen, wie Menschen funktionieren und welche Anforderungen sie haben.

    In Zeiten, in denen aus allen Richtungen zu hören ist, dass AI uns Designern die Jobs wegnehmen wird, bin ich davon überzeugt, dass wir weiterhin Menschen benötigen, die mit Verstand und Empathie, mit Visionen und unterschiedlichen Perspektiven weitaus bessere Erlebnisse schaffen werden. Heute mehr denn je. Und auch wenn es abgedroschen klingen mag: Ja, wir arbeiten daran, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und als UX Professional und Mentor bin ich stolz und glücklich, Teil dieser Community sein zu dürfen.

    Und so kann ich nur alle Lesenden einladen, im nächsten Jahr am 15. und 16. Juni 2024 ebenfalls dabei zu sein, zu lernen, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und Spaß zu haben.

    Gruppenfoto
    Sonnenuntergang auf dem UX Festival

    Die Aufzeichnungen des Live Streams

  • Das Design von Netzplänen im öffentlichen Nahverkehr

    Das Design von Netzplänen im öffentlichen Nahverkehr

    Der norwegische Designer Torger Jansen hat den Linien- und Netzplan Oslos analysiert und überarbeitet. Seine Herangehensweise, den eigentlichen Design-Prozess und die Ergebnisse hielt er in einem sehr interessanten Video fest. Er beschreibt darin auch für Nicht-Designer nachvollziehbar, mit welchen Ideen er spielte und welche er aus bestimmten Gründen wieder verwerfen musste. Außerdem betont er – sehr zu meiner Freude – dass seine Ideen bislang nicht getestet wurden. Erfreulich ist es deshalb, weil er sich dadurch von vielen anderen „Künstlern“ und UI-Designern unterscheidet, die zwar schöne Visuals, interessante Konzepte und tolle Interface-Konzepte entwickeln und auf Plattformen wie Dribble und Behance damit flexen (sorry, angeben meinte ich natürlich). Die aber im Vergleich zu einem echten UX-Konzept darauf verzichten, herauszufinden, welche Anforderungen zugrunde liegen, welchen Mehrwert das Design bietet und ob es überhaupt für echte Menschen gut funktioniert.

    Jansen, der sich neben seinen vielfältigen kreativen Interessen selbst als UI/UX Designer bezeichnet, hatte den Linien- und Netzplan Oslos bereits vor einigen Jahren angepasst. Fünf Jahre später wiederholte er den Prozess. Wieder in nicht offiziellem Auftrag. Sein Ansatz war, Züge, Tram und Metro Linien in einem übersichtlichen, gut lesbaren Plan zu kombinieren und die Barrierefreiheit noch besser zu unterstützen. Das Ergebnis kann man – bis auf wenige kleine Details – als gelungen bezeichnen.

    Hintergrund des Redesigns

    Kaum im Video zu sehen sind die ursprünglichen, offiziellen Pläne der Stadt Oslo. Doch gerade hierin liegt ja der Reiz. Was genau wurde denn verbessert? Also machte ich mich auf die Suche nach den Originalplänen und fand sie auch bald bei Ruter.no, der Seite der öffentlichen Verkehrsbehörde Oslos. Und siehe da: auch die offiziellen Pläne sind bereits durchdacht. Leicht scan- und lesbar, übersichtlich, mit starken Kontrasten und gut ausgewählten Schriftarten. Auch wenn es wie ein Klischee klingt: das klare skandinavische Design ist unverkennbar. Wie übrigens nicht nur in den Netzplänen, sondern auf der gesamten Ruter-Seite inklusive des Reiseplaners.

    Weshalb nahm sich Jansen dann ausgerechnet diese Pläne vor? Es war die Herausforderung, Zug-, Tram- und Metro-Linien in genau einem Plan unterzubringen. Und zwar so, dass eine Reiseplanung damit wirklich möglich wurde. Verlässt man sich auf die offiziellen Ausgaben, ist man gezwungen mit drei unterschiedlichen Plänen zu hantieren (Siehe hier: Zug, Tram, Metro und der Vollständigkeit halber auch Bus). Nicht gerade einfach, die beste Verbindung von A nach B zu finden, wenn man gar nicht weiß, wo man auf welches Verkehrsmittel umsteigen kann oder muss.

    Gut gestaltete Netzpläne und Barrierefreiheit

    Nun kann man sich im Jahr 2023 natürlich die Frage stellen, wer sich überhaupt noch für derartige Pläne interessiert. Wer verreisen will, eine Verbindung sucht, der soll doch bitte einfach eine App benutzen. Oder auf entsprechenden Webseiten ganz einfach Start und Ziel eingeben, um ohne langes Suchen in einem Plan den kompletten Reiseverlauf angezeigt zu bekommen, mit allen Umsteigemöglichkeiten, aktuellen Verspätungen, Sperrung und Unwägbarkeiten. Doch ganz so einfach ist es nicht. Erst im April dieses Jahres erschien eine Studie nach der etwa 3,4 Millionen Menschen in Deutschland noch nie im Internet waren. Die also auch keine Apps oder andere Services nutzen und daher auf „gedruckte Alternativen“ angewiesen sind. In Norwegen könnte es eine relevante, ähnlich hohe Zahl sein.

    Laut Studie handelt es sich bei den genannten Offlinern vornehmlich um Senioren im Alter von 65 bis 74 Jahren. Gerade älteren Mitmenschen fällt es zunehmend schwer, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Ständig neue Apps, neue Möglichkeiten, neue Dinge die gelernt werden müssen. Heutige Webseiten und Apps werden komplexer statt einfacher. Nicht wenige Hersteller halten das Verlangen nach weiteren Features für einen Wunsch der Kunden, der gerne erfüllt wird, um die Einnahmen konstant zu halten. Aber ist das wirklich wahr? Ehrlich, auch ich verstehe beispielsweise Instagram mittlerweile kaum mehr und fühle mich jenseits der ursprünglichen Grundfunktionen meist überfordert. Das Übermaß an Komplexität ist allerdings nicht nur ein Thema der älteren Generationen, auch Menschen mit kognitiven, visuellen, auditiven oder motorischen Einschränkungen leiden darunter. Und letztlich jeder Mensch, dem das Ganze einfach zu viel wird. Komplexität ist ein integraler Bestandteil im Bereich Barrierefreiheit. In inklusivem Design und der Arbeit von UX Designern, die darauf abzielt, keinen Menschen zurück zu lassen, sondern allen Anwendenden die bestmögliche Nutzbarkeit zu bieten.

    Ich selbst stand schon in Städten wie London oder Barcelona vor derartigen Plänen, suchte den „Sie befinden sich hier“-Punkt und versuchte heraus zu finden, welche U-Bahn mich an mein Ziel bringen könnte. Und zwar aus unterschiedlichen Gründen: Überangebot an Mobilitäts-Apps in den Stores mit nicht eingehaltenen Versprechungen und schlechter Bedienung. Kaum oder nur schwer nutzbare offizielle Webseiten mit Linien- und Tarif-Dschungel. Geringe oder nicht vorhandene Netzabdeckung. Oder gar einfach die Erkenntnis, dass die Zeit für die Suche in einem gut gestalteten Plan kürzer ist, als der Aufruf und die Eingabe in einer App.

    Der Netzplan von Oslo und Aachen im Vergleich

    Doch kommen wir zurück zu den Netzfahrplänen. Sie haben noch heute eine Daseinsberechtigung und müssen genau deshalb so einfach, übersichtlich und barrierefrei wie möglich gestaltet sein, damit jeder Mensch, egal welcher Herkunft und welchem Hintergrund, sie verstehen und nachvollziehen kann. Ist das denn überall so? Beispielsweise in meiner Heimatstadt Aachen? Ich machte den Versuch, suchte auf der Seite des regionalen Verkehrsunternehmen ASEAG und wurde bald fündig. Aachen hat, wie schon einmal erwähnt, leider nur ein Busnetz und die Pläne dazu finden sich hier. Interessanterweise weist die ASEAG schon vor dem Download darauf hin, dass alle Netzpläne nicht barrierefrei sind (Wirklich alle, was schon fast peinlich ist, wenn man nicht gleichzeitig auch barrierefreie Varianten anbietet). Doch immerhin wirbt die Überschrift damit, das Liniennetz Aachens sei in den Plänen übersichtlich dargestellt. So sieht der schematische Netzplan von Aachens Innenstadt aus:

    Netzplan der Buslinien in Aachens Innenstadt

    Dies ist im Vergleich der Netzplan der Buslinien Oslos:

    Netzplan der Buslinien in Oslos Innenstadt

    Es kann davon ausgegangen werden, dass Oslo nicht nur deutlich größer als Aachen ist, sondern auch eine Menge mehr Buslinien als Aachen hat. Was vermutlich der Grund sein dürfte, weshalb im Osloer Plan viele Farben für mehrere unterschiedliche Linien benutzt werden mussten. Ein deutlicher Schwachpunkt, auch im Sinne der Barrierefreiheit (Stichwort Farbenblindheit). Dennoch ist schon auf den ersten Blick der Osloer Netzplan aufgeräumter, entzerrter, besser erfassbar, die Linien und Stationen besser verfolgbar. Allein die Legende an der Seite des Aachener Plans bereitet mir schweissnasse Hände. Dagegen stellt sich der Plan Oslos beinahe als selbsterklärend dar. Interessant ist auch, dass beide Pläne zwar schematisch sein sollen, sich jedoch sehr an den geografischen Gegebenheiten orientieren. Nehmen wir als Gegenbeispiel den offiziellen Metroplan Oslos:

    Netzplan der Metrolinien in Oslos Innenstadt

    Im Netzplan der Osloer Metro scheint Geografie, Entfernungen etc. keine Rolle zu spielen. Der Plan ist ein Musterbeispiel an Übersichtlichkeit, was natürlich auch daran liegen kann, dass es weniger Metrolinien als Buslinien gibt. Doch warum war die schematische Darstellung hier möglich, bei den Busen aber nicht? Oder anders gefragt, wäre diese Art der Darstellung bei Buslinien eventuell gar nicht hilfreich?

    Der Vollständigkeit halber sei hier auch der Netzplan des AVV, dem Aachener Verkehrsverbund erwähnt, der, wie in diesem Blogartikel von 2016 beschrieben, ein aufwändiges Redesign erhielt und sich heute so darstellt:

    AVV Netzplan Aachen

    (Besser, aber aus meiner Sicht immer noch unübersichtlich und schwer scan- und lesbar. Warum übrigens jeder seinen eigenen Netzplan erstellen muss – ASEAG als Busbetreiber und AVV als Verkehrsverbund – wird sich mir vermutlich auch nie erschließen)

    Es scheint kein Zufall zu sein, dass Torger Jansen sich „nur“ die Pläne der Metro-, Tram- und Zuglinien vorgenommen hat und das offenbar viel zu komplexe Busliniennetz aussen vor ließ. Auf diese Weise war es ihm möglich, aus den drei sehr schematischen Ansichten eine Gesamtvariante zu erstellen:

    Designvorschlag der Tram Metro und Zuglinien in Oslo

    Wer gestaltet eigentlich Netzpläne und warum mache ich es nicht?

    Sehe ich mir den Netzplan von Aachens Buslinien an, juckt es mich in den Fingern, es Torger Jansen gleich zu tun. Wie gerne würde ich versuchen, aus diesem unübersichtlichen Kuddelmuddel einen gut lesbaren, barrierefreien Plan zu erstellen. Wie gerne würde ich entsprechenden User Research betreiben, mit Menschen sprechen, testen und so lange daran feilen, bis man sicher sein kann, alle „Anwendenden“ mit einem neuen Netzplan gut unterstützt und geholfen zu haben. Ob es mir gelingen würde? Keine Ahnung. Vielleicht könnte das eine spannende Aufgabe für ein kleines Team sein. Eine richtige Case Study…

    Und so stellt sich auch die letzte Frage. Wer erstellt eigentlich diese offiziellen Pläne. Designer? Ingenieure? Wurden echte Menschen dazu befragt? Wurden die Pläne mit ihnen getestet? Wurden Studien und Analysen dazu angestellt, um herauszufinden, ob ein ganz normaler Reisender mit den Plänen klar kommt? Hat Oslo mit seinen gut gestalteten Plänen versucht, einem Reisenden die Aufgabe zu stellen, nur mit Hilfe der unterschiedlichen Netzpläne mit viermaligem Verkehrsmittelwechsel von einem Ort zum anderen zu kommen? Und wie ist das in Deutschland? In wessen Auftrag und von wem werden die Pläne erstellt? Wer hierzu nähere Informationen hat, ist gerne eingeladen, sich direkt bei mir zu melden oder einfach einen Kommentar zu hinterlassen. Ich wäre sehr verbunden.

  • Süddeutschland ist auch Baden!

    Süddeutschland ist auch Baden!

    Die Geschichte über den südlichen Teil Deutschlands ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Gewiss, jedes der 16 Bundesländer hat mit Vorurteilen und Falschinformationen zu kämpfen. Jede Region Deutschlands dürfte sich im kollektiven Verständnis unterrepräsentiert fühlen. Besteht der Osten Deutschlands nicht nur aus Sachsen? Wo genau ist dieses Ost-Westfalen? Weiß eigentlich irgendjemand, wo das Sauerland beginnt und endet? Und liegt Ostfriesland nicht in Wirklichkeit an der Westküste der Nordsee? Ich kenne dieses Gefühl, denn ich selbst stamme aus einer Region Deutschlands, die den meisten Menschen nicht bekannt ist. Und damit räume ich jetzt auf.

    Um es konkret zu machen: Woran denkt der/die übliche Mittel-, Ost-, West- und Norddeutsche, wenn nach Süddeutschland gefragt wird? Vermutlich meist an Bayern. Im besten Fall an Schwaben. Als bestünde Süddeutschland aus einem einzigen Bundesland. In Wahrheit sind es derer zwei. Und dieses unscheinbare kleine Ländle neben Bayern heißt Baden Württemberg. Baden Württemberg! Ein Bundesland so reich an Geschichte, so reich an wundervollen Landschaften, so reich… Nun, ein Bundesland so verkannt, dass der Rest der Welt der Meinung ist, es lebten nur Schwaben darin. Dabei kommt das Wort Schwaben nicht einmal im Namen vor. Das Land heißt Baden Württemberg. Es ist das einzige Bundesland, das durch einen Volksentscheid entstand. Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern entschlossen sich 1952 ein einziges Bundesland zu werden. Badener und Württemberger friedlich vereint. Wer hätte das gedacht?

    Baden Baden Baden

    Fiel nun oft genug der Begriff Baden? Ist mittlerweile klar geworden, worauf ich hinaus möchte? Dass Baden Württemberg nur zu einem Teil aus Württemberg besteht. Zu einem großen Teil besteht es aus Baden. Meine Güte, Baden möchte so sehr darauf hinweisen, dass es Baden heißt, dass sogar eine Stadt darin Baden Baden getauft wurde. Was soll man denn noch tun? Es „Baden Baden!“ nennen? (Das ist natürlich ein Scherz. Ein Ausrufezeichen hat noch nie dazu geführt, einen Text und dessen Bedeutung zu verstärken. Deshalb, liebe Kids, Finger weg von den Ausrufezeichen!!!! (und von den falschen Apostrophen, aber ich schweife ab))

    Das schöne Baden ist der äußerste Südwesten Deutschlands. Und somit neben Württemberg (nicht Schwaben) und Bayern ein nicht zu unterschätzender Teil Süddeutschlands. Baden ist mein Heimatland, hier wuchs ich auf, hier verbrachte ich Jahrzehnte meiner – nunja – Jugend, bevor es mich in die weite Welt hinaus trieb. Baden wird südlich und westlich durch den Verlauf des Rheins klar definiert, während die Grenzen im Norden und Osten – auch sprachlich – gerne schwammig werden. Landschaftlich wird Baden durch die stets warme Rheinebene und den Schwarzwald bestimmt. Und der vorherrschende Dialekt ist das Alemannisch, dem Schweizerdeutschen nicht unähnlich. Vieles spricht für Baden als Land, als Kulturgut, dass ich hier gar nicht alles aufzählen kann. Doch im kollektiven Verständnis kommt es kaum vor. Warum ist das so?

    Baden hat so viel zu bieten

    Zum Einen liegt es vermutlich am Mangel an Prominenz. Außer Jogi Löw dürften die wenigsten weitere Berühmtheiten kennen, die aus Baden stammen. Des Weiteren am Mangel an politischem Einfluss. Die Politik wird in Stuttgart gemacht, von Schwaben. Zudem am Mangel an Skandalen. Welches Ereignis oder welche Person hat in den vergangenen Jahrzehnten das Land in das kollektive Gedächtnis gebrannt? Positiv oder negativ. Und schließlich auch durch Mangel an Präsenz in den Medien. Welche Filme oder Serien spielen in Baden und thematisieren dies auch? Ein Freiburger Tatort vielleicht. Apropos Freiburg: Immerhin ist Freiburgs Fußballmannschaft mittlerweile ein Begriff in der Bundesliga, im Europapokal, in der – Wahnsinn – Champions League? (Stand: Mai 2023. In zehn Jahren werde ich seufzend auf diesen Artikel zurück blicken)

    Auch die Sprache in Baden dürfte den meisten unbekannt sein, zu präsent ist das Schwäbische im südwestlichen Bundesland. Und zugegeben, Alemannisch als Dialekt ist wirklich ungeheuer schwer zu destillieren, zu nah ist die Grenze am Schweizerdeutsch, zu sehr verschwimmt der Dialekt ins Schwäbische je weiter man in den Osten kommt und nördlich von Offenburg und Karlsruhe nimmt schnell ein badischer, pfälzischer Dialekt überhand. Ich erinnere mich an kleine Dörfer, die ihren eigenen Dialekt hatten, während die Bewohner des Nachbardorfes viele Begriffe wieder anders aussprachen. Für Außenstehende ist das Alemannisch kein Dialekt, der in Deutschland gesprochen wird.

    Zugegeben, in meiner Jugendzeit im Markgräflerland (grob gesagt die Kreise Lörrach und Freiburg) blickte ich oftmals neidisch in die viel cooleren Bundesländer und Städte. Nach Köln und Berlin. Mit ihren TV- und Radiosendern, mit ihren Kinos und Fast-Food Restaurants. Mit all den Möglichkeiten, dem Lifestyle, den es bei mir in der Provinz einfach nicht gab. Da saß ich dann auf einem gemütlichen Weinfest, während anderenorts Raves stattfanden. Aber vielleicht lag es auch an mir und meinem Blickwinkel.

    Ich halte das Badener Land für eines der schönsten Landstriche Deutschlands, mit seinen gemütlichen Dörfern und Städten, den Hügeln und (Wein-) Bergen, den Wäldern und der Landwirtschaft, den Baggerseen und dem Rhein, der Nähe zu Frankreich und der Schweiz, dem Essen, des mediterranen Klimas, der Traditionen, der Menschen und der Lebensfreude. Das mag sehr subjektiv sein, doch ich kenne niemanden, der Baden und Schwarzwald besucht hat und gegenteiliger Meinung sein kann.

    Und so halte ich das Zepter hoch und breche eine Lanze für Baden. Den schönsten Teil Baden Württembergs. Den kleinsten und vielleicht unbekanntesten Teil Süddeutschlands. Der Teil Deutschlands, der es verdient hat, mehr im kollektiven Bewusstsein stattzufinden. Denn auch wenn wir alles außer Hochdeutsch können, so mag ich diesen Werbespruch noch immer sehr: „Schön hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ Kommt nach Baden und überzeugt euch selbst. Und lernt, dass Süddeutschland eben auch Baden ist!

  • Read, listen, view, live later

    Read, listen, view, live later

    Oh, dieser Artikel ist bestimmt spannend. Ich habe jetzt aber keine Zeit, das alles zu lesen. Mache ich später. Ich speichere mir das mal. Ach, das ist doch diese Serie, von der alle schwärmen. Kann ich grad nicht schauen. Speichere ich mir für später. Hui, da ist ein Job, der interessant klingt, kann ich mich grad nicht drum kümmern, speichere ich erstmal ab. Und da ist ja noch die Einkaufsliste, die ich mal angelegt habe. Und die Playlist, die ich hören wollte. Nicht zu sprechen von den ganzen Podcasts. Da hab ich ja auch noch diese ganzen Social Media Posts in den ganzen unterschiedlichen Apps, die ich bestimmt irgendwann mal weiter leiten oder etwas dazu schreiben werde. Und diese Videos bei Youtube, also da komme ich bestimmt recht bald dazu. Ich speichere, notiere, like, herze. Und das meiste für später. Ich kann grad nicht. Aber später kann ich bestimmt. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu hören, so viel zu lesen, so viel zu lernen, so viel zu kaufen, so viel zu zeigen so viel zu notieren, so viel zu merken. Es. Gibt. Einfach. So. Viel.

    Wer kennt das auch? Wer hat ebenfalls Playlisten bei Netflix, Prime, Disney und Co. und wartet auf die richtige Zeit, sich das alles anzusehen? Wer hat ebenfalls Playlists mit Podcasts und Musik bei Spotify und Apple Music oder in einem anderen Feed-Programm? Wer speichert sich ebenfalls Posts in Instagram, LinkedIn, Twitter, Youtube, um sie später anschauen zu können? Wer besitzt einen Account eines Read-Later Services wie Pocket, Matter oder Instapaper? Wer nutzt eventuell Tools wie Miro, Notion und Co. um der Flut der Informationen Herr zu werden? Wessen Linksammlung in unterschiedlichsten Browsern platzt aus allen Nähten? Oder wer ist so Hardcore und schließt sie ganzen offenen Tabs im Browser einfach gar nie? Weil man es nicht mehr schafft, das alles aufzunehmen, zu strukturieren, zu priorisieren? Weil alles doch bestimmt irgendwann wichtig sein wird und dann griffbereit sein muss. Weil man irgendwann die Zeit hat, das alles zu lesen, schauen, hören. (Einen schönen Gruß an die ehemalige Kollegin, die sich selbst Tab-Schlampe nannte)

    Doch der Moment kommt nie. Stattdessen kommt immer mehr Inhalt dazu. Und neben all den Dingen, die uns im Netz und in Apps angeboten werden, gibt es ja auch noch dieses analoge Leben, wo Kinofilme, Zeitschriften und Bücher darauf warten, konsumiert zu werden. Und dann soll man auch noch arbeiten, schlafen, essen, das Bad putzen und sozialen Kontakten nachkommen?

    Gesucht wird: Die perfekte Später-App

    So stelle ich also die Frage: Wo bleibt denn DIE eine App, die Ordnung in das ganze Chaos bringt? Denn Services wie beispielsweise Pocket sind wunderbar geeignet, um Links und Inhalte für später zu speichern. Es ist eine wundervolle Ablage, doch in Wirklichkeit ist die Ablage ein Papierkorb, der niemals voll wird und in den man in den meisten Fällen nie wieder hinein schaut. Dazu kommt die Tatsache, dass dies nur Pocket ist. Schon mal versucht, Inhalte aus LinkedIn, Instagram oder Pinterest NICHT in den Plattformen selbst, sondern irgendwo zentral zu speichern? In der dafür benötigten Zeit, könnten zwei für später gespeicherte Artikel gelesen werden. Wo also ist DIE eine App, die alle Plattformen verbindet?

    Was ich benötige ist ein Service, der auf jeglicher Plattform und auf jedem Gerät funktioniert und es mir ermöglicht, alles was ich möchte für später zu speichern. Außerdem soll das Speichern möglichst einfach funktionieren, denn ich habe keine Zeit, um Tags und Sterne und dergleichen zu vergeben. Natürlich soll es mir der Service erlauben, dennoch alles sehr einfach wiederzufinden. Aber jetzt kommt die Königsdisziplin: Der Service soll so intelligent sein, dass er fehlerlos erkennt, wenn Inhalte nicht mehr benötigt werden: Die Trailer von Filmen, die ich bereits gesehen habe? Die gespeicherten Produkte, die ich schon längst bestellt habe? Die Artikel über Reiseziele, die ich längst besucht habe? Weg damit. Außerdem möchte ich, dass der Service mir gespeicherte Inhalte passend zur Tageszeit, in passenden Häppchen vorschlägt, nämlich dann, wenn es passt. Zeitlich und inhaltlich. Suche ich nach Schuhen, will ich, dass mir irgendwann gespeicherte Schuhe angezeigt werden. Möchte ich mich zum Thema Moderation im agilen Umfeld fortbilden, möchte, dass der Service all die Artikel findet, die ich vor Monaten dazu gespeichert habe und sie mir vorschlägt. Scrolle ich zu lange durch Instagram, möchte ich dass der Service mir vorschlägt, lieber etwas sinnvolles zu lesen.

    Es ist einfach alles zu viel. Zu viele Plattformen, zu viele Inhalte. Und gleichzeitig zu wenig Zeit, alles zu konsumieren. Eine Überforderung tritt ein. Schnell ist man nicht mehr Herr seiner Inhalte. Und was eventuell sogar einfach damit abgetan werden kann, dass diese ganzen „verlorenen“ Inhalte in diesem Fall offenbar doch nicht so wichtig waren, so könnte auch argumentiert werden, dass aus genau diesem Grund die tatsächlich wichtigen, relevanten Inhalte verloren gehen. Verloren in dem schwarzen Loch, das uns die Später-Konsumieren-Dienste bieten. Verloren in der unbesiegbaren Welle an vermeintlichen Nichtigkeiten.

    Überforderung und UX

    Diese Art der Überforderung ist ein wichtiger Aspekt im Bereich der User Experience. Auch hier muss es immer das Ziel sein, den Anwendenden nur genau die Informationen anzuzeigen, die sie tatsächlich benötigen. Werden zu viele Informationen, Optionen und Aktionen angeboten, tritt auch hier schnell der Effekt der Überforderung ein. Anwendende finden sich nicht mehr zurecht und übersehen dabei sogar angezeigte, relevante Informationen, selbst wenn sie direkt vor ihrer Nase sind. Die Devise lautet wie so oft: Weniger ist mehr.

    Nun wird es den von mir so sehr gewünschten Service niemals geben (Prove me wrong!). Die unterschiedlichen Plattformen sind ganz bewusst viel zu erpicht darauf, ihre Nutzer:innen möglichst lange auf der eigenen Plattform zu halten. Es soll nur dort konsumiert werden. Doch vielleicht gibt es einen menschlichen Workaround für dieses „Problem“. Vielleicht benötigen wir nicht noch einen digitalen Dienst, der uns hilft, Ruhe im Chaos zu finden. Vielleicht können wir das selbst.

    Oder liegt die Lösung bei uns selbst?

    Das Wort Konsum ist gerade gefallen. Und ist es nicht gerade heute, in diesen Zeiten, sinnvoll über Zurückhaltung nachzudenken, Nachhaltigkeit, Verzicht? Könnte eine mögliche Lösung sein, einfach weniger zu konsumieren. Weniger Inhalte auf weniger Plattformen. Und wäre es nicht empfehlenswert, bewusster zu konsumieren? Sich zu fragen, ob der Artikel, das Video, die Serie, der Podcast, was auch immer, wirklich so wichtig ist, dass man ihn oder sie später lesen, sehen, hören will? Oder anders ausgedrückt: Wenn er oder so sie so wichtig ist, warum dann nicht jetzt? Die „Weniger ist mehr“-Devise haben wir selbst in der Hand.

    Warme Worte eines UX Profis, der genau versteht, wie verlockend die beliebten Dienste sind. Wie Dark Patterns funktionieren. Wie Menschen funktionieren und wie diese Dienste es perfektioniert haben, die menschlichen Bedürfnisse zu nutzen oder gar auszunutzen. Und wie sie, wie schon erwähnt, peinlichst genau darauf achten, ihre Nutzer:innen möglichst lange auf den eigenen Plattformen zu halten.

    Es ist Mai. Zeit für den Frühjahrsputz. Nicht nur in der Wohnung, auch in den Köpfen, in den Ordnern auf dem Rechner, in den beliebten Plattformen, in all unseren Speichere-für-später-Diensten. Räumt auf, schmeisst weg, werdet euch des Konsums bewusst und konsumiert ab sofort bewusster. Ich nehme mir das fest vor. Viel Glück.

    Und wer bis hier gelesen hat, muss diesen Artikel zum Glück auch nicht mehr abspeichern.

  • Selektive Wahrnehmung – Wiesbaden ist überall

    Selektive Wahrnehmung – Wiesbaden ist überall

    Paul Watzlawick sagt „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Aber kann man auch nicht nicht lesen? Und was soll das mit diesen doppelten Verneinungen? Ich werde später darauf zurück kommen. Lasst mich zunächst mit einer kleinen persönlichen Geschichte beginnen. Ich hasse SUVs. Leidenschaftlich. Vor ein paar Monaten standen zwei dieser Monster regelmäßig in unserer Straße. Und zwar so, dass sie nicht nur einen Teil des Bürgersteigs in Beschlag nahmen, sondern es mit ihrer Überbreite auch schafften, den Autoverkehr zu behindern. Darüber kann man sich nur aufregen.

    Jetzt bin ich nicht nur ein SUV-Hasser, sondern auch einer, der KFZ-Kennzeichen liest. Oder um es anders auszudrücken: Ich kann KFZ-Kennzeichen nicht nicht lesen. Ich sehe und lese sie. Oder noch einmal anders formuliert: Ich sehe sie und interpretiere sie. Und diese Geländewagen hatten Wiesbadener Kennzeichen.

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  • Verdrehte Buchstaben und UX

    Verdrehte Buchstaben und UX

    Eine der wichtigsten Regeln im Bereich der User Experience lautet: Menschen lesen keine Texte am Bildschirm. Sie scannen. Ja, es gibt eine ganze Menge derartiger Regeln, doch diese ist ganz entscheidend, wenn es darum geht, Menschen bei der Bedienung eines Systems Informationen zu geben. Wir kommen darauf gleich nochmal zurück. Zunächst möchte ich allerdings, dass der geneigte Leser folgende Sätze liest: „Ncah eienr Stidue der Cmabirdge Uinertvisy ist es eagl, in wlehcer Rehenifloge die Bcuhstbaen in Woeretrn vokrmomen. Huaptschae, der esrte und ltzete Bcuhstbae snid an der rhcitgien Setlle.“ Na, alles verstanden? Verblüffend, oder?

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  • Notes Art – Oder wie Restriktionen die Kreativität fördern

    Notes Art – Oder wie Restriktionen die Kreativität fördern

    DamalsTM, als ich noch jung war, erlaubte Twitter nur 140 Zeichen für einen Tweet. Weniger als eine handelsübliche SMS. 140 Zeichen reichten aus, um witzige, informative und kluge Tweets zu kreieren. Mehr noch, 140 Zeichen zwangen dazu, nicht nur witzig, informativ und klug zu sein, sondern vor allem kreativ. Wie schafft man es, mit so wenig Platz maximale Aussage zu tätigen? Wie bringt man Kommunikation auf den Punkt? Wie begeistert man mit einer derartigen Restriktion?

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  • Powerwashing ist pure Entspannung

    Powerwashing ist pure Entspannung

    Einmal bei Youtube falsch abgebogen landet man mit etwas Pech bei Videos, die Menschen dabei zeigen, wie sie putzen. Beziehungsweise, wie sie powerwashen. Sie putzen Swimming Pools, Auffahrten, Autos und sogar Teppiche. Dabei benutzen sie die tollsten Bürsten, Lappen, Maschinen und Mittel. Aber vor allem benutzen sie Hochdruckreinigungsgeräte. Und es ist leider unfassbar befriedigend und entspannend, dabei zuzuschauen. Ja, vielleicht sogar meditativ.

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  • Der beste Weg, um im Internet Antworten zu bekommen

    Der beste Weg, um im Internet Antworten zu bekommen

    Murphys Gesetz besagt: Der beste Weg im Internet die richtige Antwort zu bekommen, ist nicht eine Frage zu stellen, sondern die falsche Antwort zu verbreiten. Denn das Internet und insbesondere die Besserwisser darin sind weniger hilfreich als glücklich darüber, andere zu korrigieren und Recht zu haben. Vergesst also Seiten wie „Guter Rat“ oder „Frag Mutti“, beziehungsweise fragt nicht, sondern behauptet. Und sehr schnell werdet ihr korrigiert und erhaltet die richtige Antwort.

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  • Mein Interview mit WDR5 in der Sendung „Neugier genügt“

    Mein Interview mit WDR5 in der Sendung „Neugier genügt“

    „Coulrophobie – Die Angst vor Clowns“ ist einer der meistgelesenen und meistkommentierten Artikel auf Alles Roger. Bereits im Jahr 2007 habe ich zu diesem Phänomen recherchiert und fand im Netz nur wenige Informationen, dafür aber eine lange Liste aller möglichen Phobien, die mich faszinierte und auch ein wenig amüsierte. Die Coulrophobie selbst schien damals noch eine Art Mythos zu sein, etwas, mit dem Buchautoren und Filmemacher spielen. Doch weit gefehlt. Die Angst vor Clowns ist eine sehr weit verbreitete Phobie, wie zahlreiche Kommentare zum Artikel in der Folgezeit bewiesen.

    Im Januar 2023 erhielt ich eine Anfrage des Radiosenders WDR5, ob ich für ein Interview zu diesem Thema zur Verfügung stünde. Geplant sei, am Karnevalsdienstag eine Sendung rund um das Thema Clowns, von Zirkusclowns über Clowns im Krankenhaus bis hin zu Horrorclowns in Literatur und Zeitgeschehen, auszustrahlen. Bei der Recherche stießen sie auf mein Blog und den Artikel mit über 80 Kommentaren von Menschen, die unter der Phobie leiden.

    Das Interview wurde mit dem Titel „Clowns – Spaßmacher oder Schreckgestalt?“ im Rahmen der Sendung „Neugier genügt“ aufgezeichnet und ist unter anderem auf der Seite des WDR, in der ARD Audiothek oder in jedem Podcatcher mit abonniertem RSS-Feed zu hören. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei der Hörfunkjournalistin Yesim Ali Oglou für das nette Gespräch.

  • „Alles Roger“ – Bedeutung und Herkunft

    „Alles Roger“ – Bedeutung und Herkunft

    Mein Blog „Alles Roger“ gibt es nun schon seit 2005 und doch habe ich die wichtigste Frage noch nie beantwortet. Nämlich, was der Begriff „Alles Roger“ eigentlich bedeutet und wie er entstanden ist. Dabei scheint die Bedeutung und der Ursprung leicht zu erklären zu sein.

    Zunächst einmal ist der Name Roger eine Form des Namens Rüdiger, der wiederum ein germanischer Name ist und sich aus den Wörtern Ruhm/Ehre und Speer zusammensetzt und somit in etwa „ruhmreicher Speerkämpfer“ bedeutet. Roger wird im englischen, französischen und katalanischen Sprachraum verwendet und jeweils unterschiedlich ausgesprochen. Selbst im deutschen Sprachraum gibt es eine Variante, die so ausgesprochen wird, wie sie geschrieben wird.

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  • OMG! Die GEE ist zurück!

    OMG! Die GEE ist zurück!

    Der Zeitschriftenmarkt wandelt sich. Und das nicht erst seit gestern. Noch vor wenigen Tagen kündigte Bertelsmann an, beim Verlag Gruner und Jahr nicht nur hunderte von Jobs einsparen zu wollen, sondern auch insgesamt 23 Print-Titel einzustellen. In der Generation TikTok ist es offenbar noch schwerer, Leser für gedruckte Artikel zu finden, als es bislang der Fall war. Alles verlagert sich in den Online-Bereich. Oder Publikationen werden komplett und alternativlos aus dem Markt entfernt, was teilweise wirklich bitter sein kann. So geschehen bei einer der besten (wenn nicht gar der besten) Spielemagazine auf dem deutschen Markt, der GEE.

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  • Icons und das Redesign der Apple Website

    Icons und das Redesign der Apple Website

    Interessante Änderung auf der Apple Website. Das Auswahlmenü der Produktkategorien am oberen Rand öffnete bislang eine weitere, darunter liegende Leiste, in der die einzelnen Produkte als Icon abgebildet waren. Die Icons wurde durch eine Beschriftung begleitet und erleichterten die Auswahl. So wurden unter der Kategorie „Mac“ alle jeweiligen Modelle als Grafik und mit zusätzlicher Beschreibung angeboten.

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  • Audio Branding der Deutschen Bahn

    Audio Branding der Deutschen Bahn

    Die deutsche Bahn hat im Rahmen der Weiterentwicklung ihrer Marketingstrategie das Audio Branding modernisiert und in einem, wie ich finde, sehr schönen Video erklärt. Mir gefallen solche Einblicke, in denen zwar mit viel Marketing-Blabla und Buzzwords um sich geworfen wird, die aber dennoch eine Idee davon geben, wie hart und detailliert für ein derart stimmiges, erklärbares, nachvollziehbares Konzept gearbeitet werden muss. Als UX Designer und Gatte einer Marketingfrau kann ich ein Lied davon singen, wie anstrengend das sein kann. In diesem Fall ist der zuständigen Agentur „Why do birds“ (toller Name übrigens) etwas sehr gutes gelungen.

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  • Tempolimit auf Probe

    Tempolimit auf Probe

    Wie wäre es, ein generelles Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen auf Probe umzusetzen? Für drei Monate vielleicht. Oder sechs. Nur um mal zu gucken. Einfach mal ausprobieren, ob tatsächlich die Welt untergeht. Ob das Abendland wirklich dem Untergang geweiht ist. Ob wirklich die Freiheit jedes einzelnen Bürgers verloren geht. Ob plötzlich halb Deutschland zu spät zur Arbeit kommt, es keine Urlaube mehr gibt, Einkaufszentren und Innenstädte schließen müssen und Tankstellen bankrott gehen.

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  • Ich vergesse alles

    Ich vergesse alles

    Die Finger schweben über der Tastatur. Ich überlege, was ich schreiben wollte. Gerade war es doch noch da. Das ganze Thema, die ersten Sätze. Worüber wollte ich denn noch schreiben,verdammt? Vergessen.

    Kennt ihr das? Steht ihr auch hin und wieder in der Küche vor dem offenen Kühlschrank und fragt euch, weshalb ihr ihn überhaupt geöffnet habt? Klar, man nimmt sich eine Cola raus, ein Stück Wurst und Käse, den übrig gebliebenen Kuchen von gestern und einen Apfel wegen des schlechten Gewissens. Aber war das der Grund um von der Couch aufzustehen?

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