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Ich bin das Zentrum des Universums

Die Reportagen der Flutkatastrophe der letzten Tage sind uns alle in den Kopf gebrannt. Die verheerenden Zerstörungen, die Bilder wie aus Kriegsgebieten, das unsägliche Leid, das über viele Menschen herein gebrochen ist. In einem Land, das sich so fortschrittlich, strukturiert, vorbereitet gefühlt hat. Allen wurde bewusst, dass es uns alle treffen kann, jederzeit. Und immer häufiger.

Unter all den Berichterstattungen und Videos, die im Fernsehen und in den sozialen Medien verbreitet wurden, stach für mich eines besonders heraus. Ein Video, das in so „wunderbarer“ Weise zusammen fasst, wie ein Großteil unserer Gesellschaft, ja vermutlich der größte Teil der Menschheit funktioniert. In besagtem Video ist ein Motorradfahrer zu sehen, der sich auf seinem Weg von einer überspülten Straße aufgehalten sieht. Ein reißender brauner Fluß schießt über den Straßenbelag hinab ins angrenzende Tal. Der Motorradfahrer gibt dennoch Gas, fährt in den Strom, verliert die Kontrolle über sein Motorrad, das augenblicklich mitgerissen wird und in den Fluten verschwindet, während der Fahrer sich gerade noch an einem Stromkasten festkrallen kann. An dieser Stelle endet das Video und man kann nur hoffen, dass man den leichtsinnigen Fahrer noch retten konnte und er nicht ebenfalls verschwand.

Bezeichnend an diesem Verhalten ist nicht die Dummheit oder Sturheit des Mannes, sondern die Egozentrik, die sich hier offenbart. Und die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in derart vielfältiger Weise in allen Schichten der Gesellschaft zu beobachten ist: Ich bin das Zentrum des Universum. Ich bin das Wichtigste. Mich hält nichts und niemand auf. Für mich gelten keine Regeln.

Dabei ist diese Einstellung nicht nur bei Politikern, Konzernchefs, Lobbyisten oder überhaupt bei „denen da oben“ zu beobachten. Jeder ist davon betroffen. Gleich welcher Herkunft, welchen Einkommens, welcher Glaubensrichtung, welcher Gesinnung auch immer. Jeder ist der wichtigste. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Eine Pandemie? Das interessiert mich nicht. Das ein Problem für andere Menschen. Abstandsregeln, Hygienevorschriften? Doch nicht für mich. Empfehlungen, auf Reisen oder Treffen zu verzichten? Kann nicht für mich gelten. Ich habe schon auf alles verzichtet, jetzt bin ich dran. Verkehrsregeln? Ich habe ja wohl immer Vorfahrt, egal wo ich bin. Tempolimit? Das kann ja nur eine Empfehlung sein. Ich habe einen derart schnellen Wagen, das muss ich doch auch ausfahren können. Ein fetter SUV? Aus dem Weg, ich habe das größte Auto mit den meisten PS und die beiden Parkplätze gehören ja wohl mir. Ein anständiges Miteinander mit Respekt und ohne Hass? Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt. Das ist meine Meinung, und meine Meinung zählt. Rauchen, Ernährung? Das hat niemanden zu interessieren, was ich mit meinem Körper mache. Steinerne Vorgärten? Ihr wollt, dass ich mich jetzt auch noch darum kümmere und aufwändig hässliche Pflanzen im Vorgarten pflege?

Ein Motorradfahrer, der sich sagt: Eine Flut? Das kann ja wohl nicht für mich gelten. Ich bin das Zentrum des Universums. Mir schreibt kein Flüsschen vor, wo ich mit meinem Motorrad zu fahren habe. Und ich stelle mir vor, wie sich der Motorradfahrer nach dem Verlust seines Bikes und fast seines Lebens darüber beschwert, wer dafür die Schuld trägt. Die Regierung, die Grünen, die Ausländer, die Flüchtlinge, die Jugend, die Kirche, die Natur in ihrer Gesamtheit. Nur ihn trifft keine Schuld. Er tat, was ihm zustand.

Immerhin: Wir sitzen im Moment alle im gleichen Boot. Jeder ist der Wichtigster, jeder einzelne ist das Zentrum seines Universums. Mag sein, dass dies gerade alles ist, was uns eint. Vielleicht könnten wir ja mal darauf aufbauen, die Dinge ändern und versuchen, das eigene, kleine Individuum aus dem Zentrum heraus zu nehmen. Vielleicht können wir erkennen, dass wir alle Schuld daran haben, was derzeit auf der Welt und immer häufiger vor unserer Haustür passiert. Vielleicht können wir mal das Wir und die Natur in das Zentrum des Universums stellen. Würde uns allen gut tun und weiter bringen.

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