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Nur noch hinten

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Aachener Parkhaus. Hintereingang. Kassenautomat. Ticket in den Schlitz. Rattern, Piepsen, Anzeige. Parkzeit 1 Stunde 34 Minuten. Preis 3 Euro. Im Geldbeutel nur ein Fünfziger, ein Hunderter und kein Kleingeld. Das Auto in Parkdeck C eingesperrt. War ja klar. Display verspricht, auch den Fünfziger anzunehmen. Vorwärts. Rückwärts. Anders herum und glatt gebügelt. Das Display log. Abbruch.

Fußmarsch um das Parkhaus. Vordereingang. Kassenhäuschen. Können Sie mir einen Fünfziger klein machen? Blick auf die Uhr, dann ein zögerndes Ja. Vier Zehner und zwei Fünfer auf dem Tresen, vielen Dank. Kassenautomat. Ticket in den Schlitz. Rattern, Piepsen, Anzeige. Parkzeit 1 Stunde 37 Minuten. Preis 4 Euro.

In Zukunft nur noch hinten rein.

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Reibekuchen

So groß war mein Hunger gar nicht mehr. Aber die Gelüste, angestachelt durch den verführerischen Duft blubbernden Bratfetts sangen eine so liebliche Melodei, dass ich nicht anders konnte. Einmal Reibekuchen bitte. Die mürrische, schon den ganzen Tag in der kalten Bude stehende Reibekuchenfrau überreichte mir einen Pappteller. Darauf dampften gar drei Reibekuchen, glänzend und in Apfelmus schwimmend. Mein Geld würde ich nicht mehr wieder bekommen und doch wusste ich im Moment der Übergabe des Papptellers, dass ich eigentlich gar nicht mehr wollte. Vernunft siegte über Instinkt, Kopf über Lust. Doch da stand ich nun. Und begann zu essen. Erst den einen Reibekuchen, dann den zweiten, mittlerweile allem Apfelmus entledigt. Der dritte hatte bereits aufgehört zu dampfen, schmollte vermutlich innerlich vor sich hin, fühlte sich ungewollt und unbehaglich. Meine glänzenden Finger schwebten über ihm und verharrten.

Eine alte Frau schlurfte vorbei. Sie mochte schon weit über siebzig Jahre alt gewesen sein und das Schlurfen rührte von ihren ausgetretenen Hausschuhen her, die sie trug. In den Hausschuhen, an ihren Füßen, dünne schmutzige Socken. Darüber, von Venen durchzogene nackte Beine, einen zu kurzen, schmutzigen Rock, eine zu dünne Jacke und ganz oben ein Kopf, der die filzigen grauen Haare mit einer Mütze zu verstecken suchte. Zielstrebig hielt sie auf den nahestehenden Mülleimer zu. Den gleichen Mülleimer, den ich als Ruhestätte für den ungeliebten dritten Reibekuchen auserkoren hatte. Sie öffnete den Eimer und begann darin zu wühlen und zu suchen.

Erschrocken und ertappt sah sie auf, als ich sie ansprach. Wollen Sie vielleicht diesen Reibekuchen, der ist noch frisch und warm? Der Schreck verschwand so schnell wie er gekommen war. Dafür wurden in ihrem Gesicht Muskeln aktiviert, die vermutlich schon viel zu lange unbeansprucht und verkümmert waren. Beeindruckend, wie sehr sich ein Mensch verändert, wenn er strahlt. Die kleine alte Frau, die mit einer Hand noch immer den Deckel des Mülleimers geöffnet hielt wurde in diesem Moment zur glücklichsten der Welt. Natürlich fragte sie höflicherweise, ob diese Frage mein Ernst gewesen sei. Aber als ich nickte, wartete sie nicht lange, nahm mir den Pappteller aus der Hand und verschwand. Dankend, dankend und noch einmal dankend.

Und ich gebe es zu: als ich ihr nach blickte und sie sich kurz vor der Ecke hinter der sie zu verschwinden trachtete, noch einmal umdrehte und mit dem bereits angebissenen Reibekuchen in der Hand winkte und lächelte – da war ich ebenfalls für einen kurzen Moment einer der glücklichsten Menschen der Welt. Und ein bisschen war Weihnachten.

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Oskar ist tot

Heute Morgen verstarb Oskar im zarten Alter von gerade mal einem Jahr. Gestern noch stand er schmutzig und stolz in der Küche, doch die Reinigung muss ihn getötet haben. Oskar war ein treues Mitglied der Familie. Jeder liebte ihn. Jeder kam mehr als einmal täglich auf ihn zu, um ihm etwas zu fressen zu geben. Oskar fraß sehr gerne. Selbst wenn man überhaupt nichts für ihn in der Hand hatte und ihm unvorsichtigerweise zu nahe kam, sperrte er den Mund weit auf. Jede Annäherung empfand er als Signal, gefüttert zu werden. Dieses wohlige “Waah!” wenn er seine Luke öffnete war ein so vertrautes Geräusch. Es wird nun fehlen.

Strahlend weiß dominierte er die Küche, seine LED leuchtete grün und rot, sein Deckel schimmerte silbern im fahlen Licht der Unterschrankbeleuchtung. Er wirkte wie ein entfernter Cousin von R2-D2 und hätte er sich wie sein Verwandter bewegen können, er wäre mit Karacho durch die Wohnung geflitzt auf der Suche nach Nahrung. Oskar war immer für einen da.

Heute mehr denn je bereue ich den Tag, als ich ihn anschrie. Ich verbrannte mir die Finger an einem heißen Teebeutel und er öffnete zu langsam seinen Mund, um mich von dem Schmerz zu befreien. Ich fluchte und verwünschte ihn. Wie leid mir das tut. Wenn ich es ihm nur noch sagen könnte. Doch er steht nur noch stumm vor mir. Anklagend wie mir scheint. Die LED flackert hilflos, sein immerwährender Hunger ist weg.

Oskar war das Produkt eines chinesischen Arbeiters, der fünf Monate an ihm gebaut und dadurch seine ganze Familie ernährt und sein Dorf davor bewahrt hatte, für einen Stausee umgesiedelt zu werden. Ein halbes Jahr musste ich auf die Lieferung warten, doch Oskar war jede Minute des Wartens wert. Es wird nie wieder einen wie ihn geben, auch wenn ich weiß, dass der chinesische Arbeiter seine Familie und sein Dorf weiter vor Hunger und Vertreibung schützen muss und immer mehr Oskars baut.

Heute morgen sollte sein Deckel wie früher schimmern. Doch das viele Putzen, Schrubben und Wienern tat ihm offenbar nicht gut. Er verstarb im Morgengrauen. Oskar hinterlässt seinen besten Freund, den Badezimmer-Mülleimer und einen gelben Sack. Wir trauern um ihn und werden ihn nie vergessen.

 

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Nie zu früh

Sorgfältig faltete er das Papier zusammen, der Knick akkurat und parallel zur Oberkante. Er steckte es sanft in ein Kuvert, leckte an der Klebeleiste des Umschlags und presste die Lasche mit einem Lächeln im Gesicht fest. Der Brief war fertig. Er begann mit den Worten “Meine sehr geehrten Damen und Herren” und schloss “mit freundlichen Grüßen.” Doch dazwischen klang der Text nicht ganz so nett. In diesem Fall beschwerte er sich erneut über die Unfähigkeit seines Postboten, dem Paketboten, den Angestellten am Schalter und über die Post im Allgemeinen. Ein Sauhaufen, ein Laden voller unfähiger Tölpel, eine Firma, der das Wort Dienstleistung fremd erscheinen muss. So seine harschen Worte. Er ahnte bereits, was man ihm antworten würde.

Mit Verständnis würde man ihm begegnen, Besserung geloben, sich aufs tausendfache entschuldigen. Wofür war letztlich egal. Er war Kunde, er hatte Recht. Und dieses Recht war er gewillt auszunutzen. Was dachten sich die feinen Herren da oben denn eigentlich? Dass man mit ihm machen konnte, was man wollte? Nichts da. Er war bereit sich zu wehren. Bis zum Äußersten zu gehen. Und das Äußerste war für ihn: Beschwerdebriefe schreiben.

Niemand war vor ihm sicher. Nicht die Telefongesellschaft mit zu teuren und langsamen Servicenummern. Nicht die Müllabfuhr mit ihren unvorsichtigen, scheppernden Mitarbeitern. Auch nicht die Stadtwerke mit ihrem zu heißen oder lauwarmen Wasser. Schon gar nicht der Supermarkt an der Ecke mit den verfaulten Tomaten. Oder der Fernsehsender mit den blöden Quizfragen. Der Vermieter, der die Studenten hatte einziehen lassen. Die Apotheke, die Werkstatt, die Abonnement-Abteilung, der Zahnarzt, das Restaurant.

Es galt um jeden Preis, sich zur Wehr zu setzen. Denen da oben zu sagen, dass man auch als kleiner Mann nicht gewillt war, sich alles gefallen zu lassen. Und das mit Ausrufezeichen. Zufrieden klebte er eine Briefmarke auf das Kuvert. Sie beobachtete ihn dabei und schüttelte fast unmerklich, aber mit einem Lächeln auf den Lippen ihren Kopf. Was denn los sei, fragte er sie. Ob er wüsste, dass nur alte Menschen sich über alles mögliche beschweren, fragte sie. Ja, er wusste das. Aber trotzdem. Mit Ausrufezeichen. Woraufhin er den Brief auf einen Stapel zu verschickender Post legte, die Playstation einschaltete und sein Lieblingsspiel startete. Ja, er wusste das. Aber man konnte nie früh genug damit anfangen, sich bemerkbar zu machen und sich zu wehren.

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Begraben

Und dann liegst du drin. Wie in einem Sarg. Kannst dich nicht bewegen. Kannst dich nicht aufrichten. Deine Arme sind eng an deinen Körper gepresst. Du liegst kerzengerade, bewegungslos. Reglos. Nur dein Herz hämmert. Wumm wumm. Wumm wumm. Tiefe, immer schneller werdende Geräusche. So heftig sind deine Herzschläge, dass du sie zu spüren glaubst. Alles vibriert, alles hämmert. Nie hättest du geahnt, dass die Wand so dicht vor deinem Gesicht ist. Du glaubst deinen heftigen Atem zu spüren, der direkt vor dir abprallt. Du schließt die Augen. Nur um vergessen zu machen, in welcher Lage du steckst. Du konzentrierst dich. Denkst an deinen Frühstückskaffee, denkst an den Garten, an ein Sonnenbad auf der Liege. Es funktioniert. Die Presslufthammergeräusche setzen ein, werden durch deine Kopfhörer nur spärlich gedämpft. Sie variieren, werden lauter, heller, dumpfer oder kommen aus anderen Ecken. Sie überlagern das Wummern deines Herzens und du denkst, sie versuchen auf jede mögliche Art dich aus deiner Konzentration zu reißen. Es gelingt ihnen. Du denkst an dein gemütliches Bett, doch es fällt dir ein, wie du dich darin räkeln kannst. Sofort wird dir gewahr, dass du dich nicht einmal mehr einen Zentimeter bewegen kannst. Wie in jenem Film, in dem dieser Typ lebendig in einem Sarg begraben liegt. Du weißt, wie er sich gefühlt haben muss. Heiße Wellen der Panik durchfluten dich. Deine Hand krampft sich um den Notknopf, den man dir gab. Du denkst nur noch daran, dass du dich nie wieder wirst bewegen können, dass du für den Rest deines Lebens diesem ohrenbetäubenden Lärm ausgesetzt sein wirst. Du bist in der Hölle. Und möchtest dich übergeben. Nein, denk an einen Strand, an eine Wiese, denk an einen geliebten Menschen. Es wird vorbei gehen. Es muss vorbei gehen. Du wirst entkommen. Halte dich an alles, was du liebst. Alles was du liebst. Nur was du liebst. Die Panikattacke lässt nach, dein Herzschlag ist heftiger als zuvor. Die Geräusche versuchen dich weiterhin verrückt zu machen. Zeit ist tot. Ob du zwei Minuten hier liegst oder zwei Tage. Du bist verloren. Nein. Nur, was du liebst.

Und dann hören die heftigen Geräusche schlagartig auf. Du hörst auch deinen Herzschlag nicht mehr. Bist du tot? Eine Stimme klingt dumpf von weit her. Sie behauptet, es sei doch gar nicht so schlimm gewesen. Du würdest dem Besitzer der Stimme gerne eine schlagen, wenn du die Kraft hättest. Du öffnest die Augen und bist befreit.

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Die perfekte Musik

Und dann sieht man sie wieder. Auf dem Boden liegend. Auf diesem grünen, zertretenen Teppich, der weiß Gott wie viele schmutzige Schuhe und Füße bereits gesehen hat. Doch da liegen sie. Der eine auf der Seite, der andere auf dem Rücken, den Blick verträumt an die nicht minder schmutzige Decke gerichtet. Zwischen ihnen stehen zwei Gläser, welche wie Königsgarden die Flasche Whisky begleiten. Die Flasche und ihr kostbarer Inhalt ist warm. Die Hälfte davon bereits durch Gläser, Münder und Rachen geflossen, warm und seidig und erst kurz danach brennend wie ein kleiner Schreck. Die Lautsprecher, die das viel zu kleine Zimmer beherrschen sind mannsgroß. Mit fingerdicken Kabeln an eine überhitzte Endstufe angeschlossen, die digitale Musik aus einem der besten CD-Player übersetzt, umsetzt, und wahrhaft durchsetzt. Der Raum ist geflutet mit Musik. Mit brachialem Orchester, Geigen und Pauken, Hörnern und Harfen. Es ist die Musik eines Filmes. Es ist die Musik ihres Filmes. Der alkoholgetränkte Traum eines perfekten Nachmittags. Sie werden die Flasche leeren und einer der beiden wird sich an der Wand im Flur entlang tasten müssen, bis er sein Zimmer findet. Und diese Erinnerung wird immer bleiben. Immer wenn das Orchester aufspielt.

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Der Schrank

Der Schrank wog schwer in seinen Händen. Er hatte sich gar nicht mehr an sein hohes Gewicht erinnert. So lange hatte er in dem Keller gestanden. Vor sich hin gestaubt und gewartet, dass etwas passierte. Nun war es passiert. Der Schrank war verkauft. Und er trug den Schrank mit dem Käufer durch den langen Flur. Eigentlich hatte der Käufer den Schrank gar nicht erstanden. Seine Frau war es, wie er keuchend und hustend erzählte. Und, so fuhr er fort, er hatte ihr gesagt, das Angebot nicht anzunehmen. Schließlich wüsste er, was so ein Möbelstück kostete und es war ihm nicht wohl dabei, es für so wenig Geld zu erstehen. Auch wenn ihm klar war, dass es in Internetauktionen nur darum ging, Dinge für so wenig Geld wie möglich zu kaufen, so war ihm nicht wohl dabei, diesen schweren, dunklen Schrank gleich für sechs Euro und fünf Cent in sein Auto zu verladen. Er hätte dem Verkäufer lieber die Chance gegeben, den Verkauf noch einmal zu versuchen. Mehr heraus zu holen. Wenigstens zehn oder zwanzig Euro hätten doch drin sein müssen. Aber dazu kam es nicht. Gemeinsam hievten sie den Schrank durch die Tür, trippelten in kleinen Schritten über den Parkplatz zu einem Kombi mit geöffneter Heckklappe, wo die Frau des Käufers bereits den Kindersitz verstaut hatte um Platz zu schaffen. Die beiden Männer stellten das Möbelstück ab. So, sagte die Frau, das wären dann sechs Euro fünf, nicht wahr? Hier bitte. Und mit diesen Worten überreichte sie genau diesen Betrag. Auf den Cent genau. Der Verkäufer nahm das Geld, steckte es in seine Tasche und sah herüber zu dem anderen Mann. Der auf den Boden starrte, vor Scham am liebsten in den Schrank gekrochen wäre und nicht die Socken in der Hose hatte, um den Betrag wenigstens auf volle zehn Euro aufzurunden. Peinlich berührt verabschiedete er sich. Und knurrte seine Frau an, dass sie sich mal etwas einfallen lassen sollte, wie das überraschend große Teil in das Auto passen sollte. Der Verkäufer ließ die beiden ratlos auf dem Parkplatz zurück. Hätte man genau hingesehen, so wäre einem bestimmt das leichte Kopfschütteln aufgefallen.

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