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Dumm

Dumm ist es, einen Fahrradkeller nur als vergitterte Abstellfläche zu bauen. Im Hinterhof. Verborgen vor jeglichen Blicken. Aber einsehbar für jeden, der daran vorbei läuft. Und dadurch abschätzbar, welche Werte darin stehen. Gesichert nur durch ein normales Schloss. Man könnte auch frisches Fleisch in einen Korb legen und den hungrigen Löwen hinstellen. Irgendwann werden sie den Korb – von der Verlockung getrieben – geöffnet haben.

Dumm ist es, sein Fahrrad in diesen „Fahrradkeller“ zu stellen und sich sicher zu fühlen.

Dumm ist es, sein Fahrrad verkaufen zu wollen, die ersten Angebote aber nicht anzunehmen, weil man hofft, noch bessere zu bekommen.

Dumm ist es, wenn der „Fahrradkeller“ schließlich aufgebrochen und das Rad gestohlen wird. Kurz vor dem möglichen Verkauf.

Richtig dumm ist es, wenn man dann erst feststellt, die Hausratversicherung noch immer nicht abgeschlossen zu haben, deren Antrag seit Monaten auf eine Unterschrift wartet.

Gar nicht dumm ist es, wenn der Dieb dieses Fahrrads böse stürzt und sich alle Zähne dabei ausschlägt und mindestens beide Beine bricht. Ja, das wäre alles andere als dumm.

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Rider

Das Pferd schnaubt. Angestrengt. Doch es wehrt sich nicht, steigt den schmalen, steilen Weg empor. Die Hufe kratzen und stampfen mühsam auf dem Fels. Ich ziehe meinen Hut tiefer ins Gesicht, um mich vor dem Regen zu schützen. Ein trauriger Versuch, ich bin bereits durchnässt. Schon als ich am Flussufer auf mein Pferd stieg war klar, dass wir nicht trocken bleiben würden. Schwarze Wolken am Horizont kündeten von lange ersehntem Regen. Ich höre eine Musik, eine Westerngitarre wird gespielt. Leise, zarte Klänge, die die Ruhe und die Atmosphäre unterstreichen. Regentropfen und Saiten. Manchmal ziehe ich an den Zügeln, spreche ein sanftes Ho! zu meinem Pferd, um ihm eine andere Richtung zu weisen. Der Gipfel ist bald erreicht. Es donnert und kurz darauf erstarrt die Landschaft für eine Sekunde in einer schwarzweißen Fotografie. Das harte Land zeigt sich in harten Kontrasten und unheilvollen Schatten. Und die Musik ändert sich. Jemand singt, so als käme eine völlig neue Szene. Das Schnauben, die Hufe, das Trommeln des Regens, der Donner, alles tritt einen Schritt zurück. Lässt der Musik ihren Platz. Der Gesang, der mich begleitet, als ich auf dem Gipfel ankomme. Bleibe stehen und lasse meinen Blick schweifen. Der Horizont ist verschwunden und Himmel und Land scheinen eine Einheit zu bilden. Graues Gewitter unter mir, sandige Felsen darüber, ich kann es nicht sagen. Mein Pferd und ich berühren unwirkliche Welt, spüren unwirkliche Wetter, sehen unwirkliche Lichter, hören unwirkliche Musik. Und alles ist so wirklich. Minuten, die auch Tage sein könnten vergehen. Der Gesang verstummt. Der Regen hört auf. So ist es immer. Und ich kehre dem Tal hinter mir den Rücken zu und lenke mein Pferd in die nächste Stadt zu neuen Abenteuern.

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Von der Hand in den Mund

Niemand sieht dich komisch an, wenn du gestehst, Angst vor dem Zahnarzt zu haben. Beinahe jeder hat Angst vor Zahnärzten. Vor den Schmerzen. Vor der Hilflosigkeit, diesem Gefühl, ausgeliefert zu sein. Nicht mehr sprechen und um Hilfe schreien zu können. Und niemand geht gerne zum Zahnarzt, außer vielleicht wirklich dem einen oder anderen Masochisten.

So dachte er, auf dem schneeweißen Behandlungsstuhl sitzend. Alles in diesem Behandlungszimmer war unschuldig weiß oder apfelgrün. Lediglich eine kleine rote Lampe am modernen Monitor über seinem Kopf störte den Gesamteindruck. In der Tat, mit dieser Praxis hatte sich jemand sehr viel Mühe gegeben. Und vermutlich auch sehr viel Geld ausgegeben. Geld, das erst wieder verdient werden musste.

Natürlich hatte auch er Angst vor dem Zahnarzt. Aber aus völlig anderen Gründen als der Rest der Menschheit. Um ehrlich zu sein, machten ihn Frisörbesuche weitaus nervöser. Er hatte weiß Gott schon viele Frisöre gehabt. Mehr als Zahnärzte. Doch auch diese wechselte er bei fast jedem zweiten oder dritten Besuch. Immer dann, wenn er sich schlecht behandelt fühlte. Ungenügend beraten. Und schier abgezockt.

Zahnärzte, die ein Leuchten in den Augen bekamen, wenn sie einen Blick in des Patienten Mund warfen, mussten unbedingt gemieden werden. Das deutlich hörbare Klingeling rührte nicht von heruntergefallenem, medizinischem Besteck her, sondern von der imaginären Kasse im Kopf so manchen Arztes. Mit einem Male schienen der teure Behandlungsstuhl, die extravagante Wandbemalung und die hochmoderne IT-Einrichtung bezahlt. Vom dritten Jahresurlaub ganz zu schweigen.

Begonnen hatte alles mit dem üblichen Dorfzahnarzt, der mit seiner Ausbildung aus den 40ern und dem Equipment aus den 50ern des letzten Jahrtausends zwar die komplette Jugend vom ersten Milchzahn bis zur ersten Zahnlücke begleitete, dabei aber Schlimmes anrichtete. Da wurde gebohrt, gezogen und mit Amalgam aufgefüllt, dass es nicht mehr schön war. Mit dem Umzug aus der Heimat kamen auch neue Ärzte und das Wissen um die Wichtigkeit gesunder und schöner Zähne. Ab hier ging es quasi nur noch um Schadensbegrenzung.

Jeder Zahnarzt den er besuchte, war ihm von jemandem empfohlen worden. Denn jeder ist mit seinem Zahnarzt zufrieden. Oder weiß es einfach nicht besser. Komischerweise schien außer ihm niemals jemand auf der Suche nach einem Zahnarzt zu sein. Jeder Befragte schwor auf seinen. So hatte ihm eine Freundin ihren Zahnarzt ans Herz gelegt. Er sei geduldig, kompetent und sehr gut, beschrieb sie. Nun, er war gut darin, Amalgam zu Gold zu machen. Im Mund und in der Tasche. Als er den Arzt Tage später grinsend und weiße Zähne bleckend in einem Jaguar vorbei fahren sah, dachte er sich, dass zumindest die Kühlerfigur nur durch seinen Besuch bezahlt worden war.

Und offenbar lernte er nicht. Immer wieder fiel er auf toll designte Homepages, teuer eingerichtete Praxen, unglaublich hübsche und freundliche Sprechstundenhilfen und warme, freundliche Worte herein. So wie auch dieses Mal. Seit zehn Minuten hockte er nervös auf dem vermutlich unglaublich teuren Behandlungsstuhl, der so strahlend weiß war, dass bestimmt noch keine zehn Patienten darauf Platz genommen hatten. Leise Musik rieselte aus einem unsichtbaren Lautsprecher, der Monitor zeigte beruhigende Tierfilme.

Doch nichts beruhigte ihn. Er wusste, dass ihm in wenigen Minuten die teuersten Behandlungen angeboten wurden, alles natürlich nötig und nur in seinem Sinne. Er schwitzte und spürte, wie sich seine Hände um die weißen Armlehnen des Stuhls  klammerten und seine Knöchel ebenso weiß hervor traten. Er musste raus, stand auf, schlich sich an der hübschen und freundlichen Rezeptionisitn vorbei und verließ heimlich die edel und teuer eingerichtete Praxis. Er würde nie wieder zurück kommen. Und beschloss, seinen Adrenalinpegel in nächster Zeit nur von einem Frisör in die Höhe treiben zu lassen. Haare wuchsen schließlich schneller nach als Zähne.

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Sammeln Sie Punkte?

Der Einkaufswagen wollte einfach nicht aufhören, sich zu füllen. Das Förderband an der Kasse schob unentwegt Artikel über den Laser-Scanner. Rhythmische Piepsgeräusche ließen die Rechnung in die Höhe steigen. Es schien Stunden zu dauern, bis endlich alle Einkäufe registriert waren. Die Schlange wartender Kunden hinter mir wurde länger und länger. Doch das merkwürdigste an diesem Traum stand mir erst noch bevor. Ich zückte mein Portemonnaie als die Kassiererin fragte:

„Haben Sie eine Payback-Karte?“

„Nein.“

„Eine Kundenkarte?“

„Nein.“

„Eine Deutschlandkarte?“

„Nein.“

„Eine Bonus & More-Karte?“

„Nein.“

„Eine Happy Digits-Karte?“

„Nein.“

„Eine Miles & More-Karte?“

„Nein.“

„Eine ADAC-Mitgliedkarte?“

„Nein.“

„Eine BahnCard?“

„Nein.“

„Sammeln Sie Punkte?“

„Ja“, antwortete ich erfreut und deutete auf meinen Rücken, der von einem roten Tuch mit schwarzen Tupfern bedeckt wurde, „ich bin doch ein Marienkäfer.“ Zum Glück erwachte ich kurz darauf.

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Der graue Anorak

Langsam schob sich der Zug vorwärts. Die kräftige Diesellok am Ende rumorte auf Sparflamme. Die Wagen durfte nur mit 2 km/h durch die Waschanlage gedrückt werden. Ich hielt den Tachometer im Auge, gab Gas, ging wieder in Leerlauf und ließ nebenher meine Gedanken kreisen. Die Nacht war ruhig gewesen, richtig angenehm und in drei Stunden würde ich in mein Auto steigen und nach Hause fahren. Die Motoren meiner Lok waren die einzigen Geräusche in dieser Nacht. Der Bahnhof lag still da. Auf den Nebengleisen warteten bereits Garnituren untersuchter und gereinigter Waggons darauf, wieder eingesetzt zu werden. Der sichtbare Erfolg der Arbeit. Personenwaggons ohne Licht haben etwas eigenartig an sich. Etwas lebloses.

Während ich an der Ampel stand, überprüfte ich mein Gesicht und die Haare. Sah alles so aus, wie es sein sollte? Ich wollte den bestmöglichen Eindruck machen. Natürlich. Obwohl es sich bereits um unsere dritte Verabredung handelte. Wie gut wir uns verstanden, war doch schon klar. Dass wir uns immer näher kommen würden auch. Und dieser Abend könnte vermutlich auch derjenige sein, an dem … aber darüber wollte ich nicht nachdenken. Die Ampel sprang auf Grün und ich gab lächelnd Gas.

Der Waschvorgang dauerte immer eine gute halbe Stunde. Zum Einschlafen langsam bewegte sich die stählerne Masse vorwärts unter die kalte Dusche. Meine rote Diesellok spiegelte sich in den dunklen Fenstern der leblosen Waggons im Nachbargleis. Wie viele mochten es sein? Zwölf vielleicht? Der letzte der Garnitur kam in Sicht. Und es öffnete sich eine Tür. Besonders überraschend war das nicht. Immer wieder gingen Rangierer oder jemand von der Putztruppe durch die Waggons. Diese, die letzte Waggontür, wurde aber nicht von einem der Arbeiter geöffnet. Die Hand noch am Türrahmen, erkannte ich einen jungen Mann. Eine grüne Kapuzenjacke, darüber ein grauer Anorak. Sein Gesicht wurde von der Kapuze zunächst verdeckt, zeigte sich dann aber als freundlich, jung, mit Drei-Tage-Bart.

Mein Herz klopfte, als sie die Tür öffnete. Diese rehbraunen Augen, dieses makellose Gesicht. Und besonders dieser unglaublich lange und schlanke Hals. Sie strahlte. Mit ihrem ganzen Körper. Eine Aura schien sie zu umgeben. Sie lächelte und sagte nur „Hi.“ Was auch völlig ausreichend war. Ich trat ein und wir küssten uns. Leidenschaftlich wie immer. Sie duftete himmlisch, auch wie immer. Doch dieser Duft vermischte sich bald mit den leckeren Gerüchen, die nur aus ihrer Küche stammen konnten. Sie führte mich an der Hand zum Tisch, bat mich Platz zu nehmen und verschwand. Es sollte ein wundervoller Abend werden. Wir machten Witze darüber, was das dritte Date zu bedeuten hatte. Doch die Gespräche wurden auch tiefgründiger, das grobe Kennenlernen war abgeschlossen, die Eckdaten bekannt, das Flirten begann ernst zu werden. Wir wollten uns näher kommen, mehr erfahren, den anderen verstehen. Sie faszinierte mich. Die Art wie sie sprach, die Art wie sie lachte. Und mir entgingen auch nicht die kleinen leisen Momente, in denen sie verträumt die brennende Kerze auf dem Tisch betrachtete, damit ich mich fragen konnte, woran sie wohl gerade dachte. Wir tänzelten um uns herum. Und wir machten das gut.

Er blieb einfach in der Tür stehen. Und wir sahen uns an. Schweigend. Wie in Zeitlupe rollte ich an ihm vorbei, die Augen fixiert auf das Gegenüber. Ich dachte daran, den Funksprecher in die Hand zu nehmen, um irgend jemandem mitzuteilen, dass hier eine Privatperson auf dem Bahngelände unterwegs sei. Doch ich tat es nicht. Wir blickten uns einfach nur an. Er schien nicht erschrocken zu sein, machte sich auch offenbar keine Gedanken darüber, dass er etwas unerlaubtes tat. Natürlich, er war jung, warum sollte ihn das kümmern? Seine ganze Erscheinung wirkte etwas verwahrlost. Vielleicht ein Landstreicher? Ein Ausreißer, der einen Platz für die Nacht suchte? Denkbar ungeeignet, hier danach zu suchen.

Das Essen hatte vorzüglich geschmeckt. Noch als wir uns vom Tisch erhoben, wischten wir uns die Lachtränen aus den Augen. Wir hatten einen ähnlichen Humor und unser Necken und Ärgern nahm teilweise schon überhand. Wieder nahm sie mich bei der Hand und führte mich zu ihrem Sofa. Es sollte eigentlich ein gemütlicher Filmabend werden, doch wir wussten beide genau, dass kein Hollywood-Produkt interessant genug sein konnte. Aus anfänglichem Kuscheln wurde handfestes Küssen, aus zartem Streicheln wurde bald wildes Erkunden. Und als sie sich vom Sofa erhob und mit einem Grinsen in Richtung ihres Schlafzimmers nickte, mussten keine weiteren Worte gewechselt werden.

Er hatte sich noch immer nicht bewegt und ich würde in wenigen Sekunden an ihm vorbei gefahren sein. Erst jetzt hob ich meine Hand um nach dem Funkgerät zu greifen. Doch ich hielt inne. Denn auch er hob seine Hand. Und tat etwas, das ich nicht erwartet hätte. Er winkte. Und dabei lächelte er. Wie an einem Bahnsteig stehend und einem lieben Menschen zum Abschied winkend, schien er sich von mir verabschieden zu wollen. Ich unterdrückte den Impuls, zurück zu winken. Und da war ich auch schon an ihm vorbei. Aus dem Fenster gelehnt konnte ich erkennen, wie er dem Waggon entstieg und in Richtung eines kleinen Wäldchens verschwand, die grüne Kapuze auf dem Kopf, den Kragen seines grauen Anoraks nach oben geschlagen. Erst jetzt griff ich zum Funk.

Wir wussten, was passieren würde. Und es passierte. Alles war perfekt. Von unserem ersten Kennenlernen bis zu diesem Moment hätte es nicht besser laufen können. Wir hatten uns gefunden. Während ich sie betrachtete, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als mit dieser Frau glücklich zu werden, wie sie entspannt, schwer atmend, nach Salz und Parfum duftend neben mir lag und mich mit weit geöffneten Pupillen betrachtete. „Komm her“, flüsterte sie und ich schmiegte mich an sie. Zeit hatte keine Bedeutung, weshalb ich auch nicht wusste, wie lange wir einfach nur nebeneinander lagen, uns wärmten und beim Atmen zuhörten. Die Stille in ihrem Schlafzimmer wurde irgendwann durch eine Frage gebrochen, die ich gerade jetzt nicht erwartet hätte. „Sag mal, du bist doch Lokführer. Hast du schon einmal einen Menschen überfahren?“ Natürlich kannte ich diese Frage. Sie war meist die Dritte in der der Reihe, wenn jemand erfuhr, dass ich Lokführer war: „Fährst du auch ICE? Kann ich mal mitfahren? Hast du schon mal jemanden überfahren?“ Doch genau in dieser Situation wusste ich zunächst nicht, wie ich reagieren sollte. „Ja, habe ich“, sagte ich daher nur knapp. „Erzählst du es mir?“, bat sie mich und ich tat ihr den Gefallen. „Es war Nachts. Ich hatte den Schlafwagenzug auf 120 km/h beschleunigt und das Fernlicht an. Da sah ich ihn, wie er neben dem Gleis kniete, in meine Richtung sah und kurz vor dem Aufprall seinen Kopf auf die Schiene legte. Ich hatte in dem Moment, als ich ihn sah, schon eine Schnellbremsung eingeleitet und blieb mit dem Fuß auf der Hupe. Aber das hilft nicht. Es ist immer zu spät und unvermeidbar. Der Aufprall war überraschend laut. Das Geräusch habe ich heute noch in den Ohren. Irgendwann kam der Zug zum Stehen, ich setzte einen Notruf ab und wartete, bis die Notärzte und die Polizei kam.“ Sie hatte sich derweil zu mir gedreht und mich stumm bei meinen Erzählungen beobachtet. „Das klingt schrecklich“, sagte sie leise. „Ist es auch“, stimmte ich ihr zu. „Es ist furchtbar, dieses Wissen zu haben, nichts tun zu können, nicht ausweichen zu können. Und in dem Moment, wo es passiert, wirst du als Lokführer vom Täter zum Opfer. Denn du wirst ab da gezwungen, damit klar zu kommen, dass du einem Menschen das Leben genommen hast.“ Sie dachte nach und sagte dann: „Aber so ist es doch nicht.“ Ich nickte. „Ja, ich weiß, dass es nicht so ist. Aber so fühlt es sich an.“

Der Rangierer reagierte äußerst gelassen, als ich ihm schilderte, was ich gesehen hatte. „Wohin ist er gelaufen? Da hinten in den Wald? Dann hat er Angst bekommen und ist weg.“ Es gab letztlich kaum Grund, daran zu zweifeln, also setzten wir unsere Arbeit fort. Bald sollte ich Feierabend haben. Die Zweifel kamen mir erst, als eine halbe Stunde später über Funk informiert wurde, die Einfahrt in den Hauptbahnhof sei wegen eines Suizids gesperrt worden. Ein ankommender Zug hatte eine Person auf den Gleisen überfahren. Direkt vor der Brücke. Hinter dem Wäldchen. Aus meinem Zweifel wurde schlagartig Gewissheit. Ich wusste, was passiert war.

Sie war in Gedanken ganz woanders. Zwar streichelte ihre Hand meinen Rücken, aber das tat sie automatisch. „Kann ich dich fragen, warum du das wissen wolltest?“ Sie atmete tief ein. „Weil ich wissen wollte, was bei dem Menschen passiert, der da auf der Lok sitzt. Wie er das erlebt. Ob er darüber hinweg kommt“ sagte sie schließlich und wagte dabei kaum, mir in die Augen zu sehen. „Die meisten kommen darüber hinweg. Das muss man, sonst könnte man den Job nicht mehr machen“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Aber ich verstehe noch immer nicht, weshalb wir gerade jetzt darüber sprechen.“ Sie drehte sich wieder zur Seite, weg von mir und starrte gegen die Wand. „Weil ich das wissen wollte, seit ich dich kennen gelernt habe. Es gibt einen Grund, warum ich das wissen muss.“ „Und der wäre?“

Die Strecke war noch immer gesperrt, als ich Feierabend hatte. Man sah die Lichter vor der Brücke. Die Rettungsleute rannten mit ihren Taschenlampen und Scheinwerfern herum. Mir war klar, dass ich niemals würde einschlafen können, nein, dass ich mich mein Leben lang mit der Frage quälen würde, wenn ich nicht sofort die Gewissheit bekäme. Ich beschloss, zum Unfallort zu fahren.

„Vor knapp sieben Jahren habe ich meinen Bruder zum letzten Mal gesehen. Er, ähm, hatte Probleme, war depressiv und nun ja, immer unglücklich. Ich habe ihn geliebt, wir alle taten das, die ganze Familie. Aber das genügte nicht. Wir kamen nicht an ihn heran. Und ich erinnere mich, wie er zu mir sagte, dass es ihm leid täte, uns so weh zu tun. Am nächsten Tag war er verschwunden. Ohne weiteres Zeichen, ohne es zu erklären. Es war, als würde er nur verschwinden, um uns nichts aufzubürden. Dabei machte er es nur noch schlimmer. Zwei Jahre lang suchte ich ihn. Egal, wohin ich ging, wohin ich fuhr, ständig hielt ich Ausschau. In jedem Kerl seines Alter erkannte ich sein Gesicht. So oft blieb mir das Herz stehen.  Zwei Jahre lang, in denen ich mich fragte, ob ich etwas falsch gemacht hatte, ob ich ihm hätte helfen können. In denen ich mich fragte, wie es ihm ging. Ob er einen Ort gefunden hatte, an dem er glücklich sein konnte.“ Ihre Stimme versagte, die Augen glasig. „Und dann?“ fragte ich. „Und dann kam ein Anruf von der Polizei. Sie hatten ihn gefunden. Er war tot. Hatte sich vor einen Zug geworfen.“ Ihr Blick verriet mir, dass ich etwas dazu sagen sollte, doch es wollte mir nichts einfallen, außer einem „Oh Gott.“

Ich stieg in mein Auto und fuhr vom Parkplatz. Direkt unter dem sehr hohen Bahndamm führte die Straße entlang, die mich nach Hause bringen sollte. Ich sah die Rettungswagen bereits von weitem, stellte mein Auto ab und suchte einen Weg hinauf zu den Gleisen.

Ihr Gesicht spiegelte den Schmerz wider, den sie so lange in sich verborgen gehalten hatte. „Verstehst du? Ich muss wissen, was passiert, wenn sich jemand vor einen Zug wirft. Ich muss wissen, ob es schnell geht, ob er hat leiden müssen. Ich muss wissen, was er damit anrichtete. Ich habe so viele unbeantwortete Fragen. Er ging einfach und dann nahm er sich auch noch das Leben. Kein Abschied, keine letzten Worte, so als wäre er einfach aus meinen Leben heraus gerissen worden.“ „Ich verstehe das“, antwortete ich und wischte ihr die Tränen von der Wange. „Ich verstehe das.“ Eine Zeitlang lagen wir schweigend da. Dann fragte ich „Wie alt war dein Bruder, als es passierte?“ „Er war 22 als er ging. Mit 24 nahm er sich das Leben. Aber Warum? Warum suchte er keine Hilfe? Warum war er so verzweifelt, dass er keinen anderen Ausweg sah, als sich mitten in der Nacht in Basel auf die Gleise zu stellen? Seit fünf Jahren quälen mich diese Fragen, wie es mit ihm zu Ende ging.“

Auf dem Bahndamm angekommen und auf den gesperrten Gleisen stehend, sah ich in einiger Entfernung den Zug. Geräuschlose Lichtkegel tanzten um ihn herum, der Wind wurde kälter. Vorsichtig setzte ich mich in Bewegung, immer versuchend, mit großen Schritten die Schwellen zu erwischen. Es dauerte nicht lange bis ein junger Polizist auf mich aufmerksam wurde und mir entgegen kam, um mich aufzuhalten. Er fragte, was ich hier oben zu suchen hätte und ich erklärte mit knappen Worten, dass ich Lokführer sei und das, ähm, Opfer womöglich gesehen habe. Er überlegte kurz, dann fragte er: „Würden sie mitkommen, um ihn zu identifizieren?“ Ich nickte und wir gingen los.

Ich stutzte. „In Basel war das? Vor fünf Jahren?“ fragte ich. „Ja. Irgendwann früh am Morgen, als es noch dunkel war, wie mir die Polizei erzählte.“ Mein Blick versteinerte sich und sie bemerkte diese Veränderung sofort. „Was ist los?“ fragte sie besorgt. Ich versuchte Worte zu finden, stammelte, flüsterte aber nur wirres Zeug. Gedanken schossen mir durch den Kopf, Bilder, Erinnerungen. Basel, früher Morgen. Fünf Jahre. Das konnte doch nicht sein. Es musste sich um einen dummen Zufall handeln. „Was ist los, sag es mir“, drängte sie. Ich sah sie an. „Hast du ein Foto von deinem Bruder?“ Sie stand auf, ging hinüber zu einem Bücherregal und zog ein Album heraus. „Ja. Hier.“

Unser Marsch führte an dem stehenden Zug entlang in Richtung der aufgebauten, großen Scheinwerfer. So weit, bis ich es erkennen konnte und mit einem heftigen Schnauben stehen blieb. Der Körper lag im Gegengleis, es musste ihn von der fahrenden Lok weg geschleudert haben. Zunächst hätte man es auch für einen Sack oder einen Haufen alter Klamotten halten können. Doch dort war eine Hand, dort ein Fuß. Und dort…

Sie gab mir das Foto auf dem ein junger Kerl zu sehen war. Lächelnd, aber mit einer unbestimmten Melancholie in den Augen. Ich flüsterte nur: „Oh mein Gott. Wann wurde dieses Foto gemacht?“ „Du machst mir Angst“, sagte sie und drückte ihr Kissen nah an sich „vielleicht ein halbes Jahr bevor er verschwand. Warum denn?“ Ich richtete den Blick wieder auf das Foto. Sah ihn an, wie er in die Kamera blickte, sein Gesicht umrandet von einer grünen Kapuze, darüber einen grauen Anorak tragend. „Ich habe ihn gesehen“, sagte ich leise.

Und dort war ein grauer Anorak. Darunter eine grüne Kapuze, die sich braun gefärbt hatte durch das Blut. Mir wurde eiskalt. Der Anorak. Die Kapuze.

Fünf Jahre später lag ich nackt im Bett einer Frau, die blass und zitternd kämpfte, um die Worte verständlich aussprechen zu können. „Du hast was?“ – „Ich… habe ihn gesehen. Ich… oh mein Gott. Ich war dort. In jener Nacht. Ich erkenne ihn wieder. Ich habe dort gearbeitet in dieser Nacht und ich habe ihn gesehen.“ Sie sammelte alle Kraft, um die Frage zu stellen: „Nach dem Unfall?“ Ich schüttelte langsam den Kopf. “ Nein, ich sah ihn kurz vor dem Unfall. Noch… lebend.“ Wenn jahrelanger Schmerz aus einem Menschen heraus bricht, ist das nur schwer zu beschreiben. Er scheint wie eine Lawine unaufhaltsam alles mit sich zu reißen. Niemals zuvor musste ich so hilflos zusehen, wie jemand derart zusammen brach, sich so dieser Wucht des Aufpralls ergab. Niemals zuvor fühlte ich mich so hilflos, weil ich sah, wie ihre Welt, die sie fünf Jahre umgeben hatte, regelrecht zu explodieren schien. Sie rang mit sich, wollte weitere Fragen stellen, doch es gelang ihr nicht. „Du… du… hast ihn… gesehen?“ Was konnte ich nur tun? Was geschah hier? Wie konnte das passieren? Was hatte ich ihr nur angetan? Die Fragen prügelten sich durch meinen Kopf, zusammen mit den Erinnerungen und der Verwirrung. Ich versuchte sie zu berühren, sie zu halten, doch sie stieß meine Hand davon. „Du… hast…“, versuchte sie es weiter. Und ich erkannte, dass ich ihr die Geschichte erzählen musste. Von meiner langsamen Fahrt durch die Waschanlage, von der Begegnung mit ihm, davon, dass wir nichts zueinander sagten und davon, dass er schließlich wieder verschwand, so schnell wie er aufgetaucht war. „Du willst mir damit sagen…, dass du der letzte Mensch warst, der ihn lebend gesehen hatte? Ist es das?“ Verdammt, ja. Genau das erzählte ich ihr gerade.  „Und… und, wenn das so war. Wie wirkte er auf dich? Was tat er? Wie sah er aus?“ Gedankenblitze, Bilder, Erinnerungen, alles kam zurück, schossen mir schockartig durch meinen Kopf und verharrten. Ich war wieder in jener Nacht, saß wieder auf der Rangierlok, sah ihn im Türrahmen stehen. Meine Lippen bewegten sich und sprachen, als würde es jemand hören: „Er lächelt. Und er winkt. Er winkt mir zu, als würde er sich verabschieden. Er scheint beinahe glücklich, als würde er sich auf eine Reise begeben und sich einfach verabschieden wollen.“

Wir lagen eine lange Zeit schweigend nebeneinander, noch immer nackt und schutzlos und hielten uns lediglich an den Händen. Der Versuch, die Gedanken und Gefühle in unseren Köpfen zu sortieren und einzuordnen, war beinahe hörbar. Lautes Schweigen erfüllte den Raum. Irgendwann drehte sie sich zu mir um, die Augen rot von den Tränen, das Gesicht müde aber entspannt und fragte: „Glaubst du an Schicksal?“ Ich musste nicht lange über eine Antwort nachdenken. „Seit heute wieder mehr, ja. Es tut mir so leid, dass ich dir mit dieser Geschichte solche…“ Doch sie unterbrach mich. „Sag es nicht. Entschuldige dich bitte nicht. Du musst verstehen, dass ich mich seit sieben Jahre frage, was in ihm vor ging. Und seit fünf Jahren quält mich dieser Gedanke, wie es passierte und warum. Ich wollte immer wissen, wie er sich gefühlt hat. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich dieser Gedanke tröstet, dass er mit einem Lächeln ging. Denn es bedeutet, dass es gut für ihn war. Und er hat sich verabschiedet. Stellvertretend für alle, hat er sich bei dir verabschiedet.“ Sie machte eine Pause und fügte hinzu: „Es musste so sein, dass wir uns begegnen. Damit du mir das sagen konntest.“

Dann schliefen wir ein. Und sie sagte mir am nächsten Morgen, dass sie schon lange nicht mehr so gut geschlafen habe. Wir verabschiedeten uns, ohne auszusprechen, was beide wussten. Ein Paar würden wir niemals werden. Es hatte nur einen bestimmten Grund gegeben, weshalb wir uns begegnet waren. All die Verliebtheit, all der Zauber war verschwunden und wichen einer unbestimmten Zufriedenheit, einem tiefergehenden Glücksgefühl. Wir hörten nie wieder voneinander. Aber alles war gut.

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Der richtige Weg

dunkel breitet er sich vor dir aus
verschwindet noch vor dem horizont
um dich herum nur dunkler wald
stimmen flüstern daraus
machen dir angst, zwingen dich zum umkehren
zum aufgeben
doch du weißt
du bist auf dem richtigen weg

siehst du die lichter da vorne
dort willst du hin
nur wenige werden verharren
andere kommen dir entgegen
rempeln dich an, reißen dich um
lassen dich straucheln
doch du wirst aufstehen und weiter gehen
denn du bist auf dem richtigen weg

du hast abkürzungen genommen
bogst falsch ab
und fandest dich in sackgassen wieder
abkürzungen führen nie ans ziel
manch leuchtende wege verlieren sich
nur deshalb bist du dir sicher
du bist auf dem richtigen weg

kein flüstern schreckt dich mehr
kein rempeln und straucheln hält dich auf
du weißt, wohin du willst
zu dem einen licht das verharrt
du kennst dein ziel
und du bist
auf dem richtigen weg

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Meine Dusche – das unbekannte Wesen

Früher, als ich im schönen Süden wohnte, machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, woher das Wasser aus meinem Duschkopf kam, wie es aufbereitet und wo es erhitzt wurde. Es war einfach da, auf Knopfdruck quasi, beziehungsweise bei Betätigung der Armatur. Ich konnte jede von mir gewünschte Strahlstärke einstellen und die Temperatur regeln. Im Nachkommstellenbereich wie es schien. Duschen war schön. Damals.

Jetzt, in Nordrhein-Westfalen musste ich den Heißwasserboiler kennen lernen. Der hängt hässlich in Bad und Küche und ist dafür verantwortlich, Wasser zu erwärmen. Er hasst diese Arbeit offensichtlich, denn er ist nie gewillt, sie ordentlich zu verrichten. An meinem Boiler befindet sich ein Wahlrad und ein Drei-Stufen Schalter. Allerdings könnte ich wetten, dass beide im Innern des Gehäuses nur mit einem Bauteil verbunden sind, das ‚Klack‘ macht. Sonst nichts. Auswirkungen haben verschiedene Schalterstellungen keine.

Meine Dusche kennt daher nur zwei Zustände für Wasser: kochend heiß und eiskalt. Je nachdem, was ich mir wünsche. Nun ist der Boiler zu blöd, schnell von einem Zustand zum nächsten zu wechseln. Das sind dann die Zeiten, in denen ich dusche. Beim Aufheizen und beim Abkühlen. Nur dann kann ein menschlicher Körper die Temperatur ertragen. So flitze ich ständig in der Dusche hin und her, warte beim Betätigen der Badewannenarmatur im Nanometerbereich darauf, dass der Boiler das Signal erkennt und auf Kalt umschaltet. Dann stehen mir 8 Sekunden zur Verfügung, um meinen Körper mit Wasser zu benetzen. Anders herum sieht es noch schlimmer aus. Ein Duschvorgang beginnt mit einem fünfminütigen Ritual, bis die Temperatur geregelt ist (weiß der Himmel wie viele Liter kostbarstes Trinkwasser dafür drauf gehen), nur um beim Besteigen der Wanne festzustellen, das alles für die Katz war. Der Boiler ist sogar frech genug, so lange zu warten, bis ich Schaum auf den Haaren habe. Das ist seine Chance, ein leises ‚Klack‘ und er schaltet um auf 78 Grad Celsius. Ich schreie und fluche, die eine Hand sucht tastend den Hebel, während die andere Hand (wie es Jürgen von der Lippe so schön ausdrückte) versucht, den Sonnenkönig vor Verbrühungen zu beschützen. Man ahnt, was gleich darauf kommt. Die Eishölle ergießt sich über verbrannte Haut.

Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich viel mehr bade als früher. Und damit noch mehr Trinkwasser verschwende. Meine Dusche und ich, wir weden jedenfalls niemals Freunde. ‚Klack‘