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Der graue Anorak

Langsam schob sich der Zug vorwärts. Die kräftige Diesellok am Ende rumorte auf Sparflamme. Die Wagen durfte nur mit 2 km/h durch die Waschanlage gedrückt werden. Ich hielt den Tachometer im Auge, gab Gas, ging wieder in Leerlauf und ließ nebenher meine Gedanken kreisen. Die Nacht war ruhig gewesen, richtig angenehm und in drei Stunden würde ich in mein Auto steigen und nach Hause fahren. Die Motoren meiner Lok waren die einzigen Geräusche in dieser Nacht. Der Bahnhof lag still da. Auf den Nebengleisen warteten bereits Garnituren untersuchter und gereinigter Waggons darauf, wieder eingesetzt zu werden. Der sichtbare Erfolg der Arbeit. Personenwaggons ohne Licht haben etwas eigenartig an sich. Etwas lebloses.

Während ich an der Ampel stand, überprüfte ich mein Gesicht und die Haare. Sah alles so aus, wie es sein sollte? Ich wollte den bestmöglichen Eindruck machen. Natürlich. Obwohl es sich bereits um unsere dritte Verabredung handelte. Wie gut wir uns verstanden, war doch schon klar. Dass wir uns immer näher kommen würden auch. Und dieser Abend könnte vermutlich auch derjenige sein, an dem … aber darüber wollte ich nicht nachdenken. Die Ampel sprang auf Grün und ich gab lächelnd Gas.

Der Waschvorgang dauerte immer eine gute halbe Stunde. Zum Einschlafen langsam bewegte sich die stählerne Masse vorwärts unter die kalte Dusche. Meine rote Diesellok spiegelte sich in den dunklen Fenstern der leblosen Waggons im Nachbargleis. Wie viele mochten es sein? Zwölf vielleicht? Der letzte der Garnitur kam in Sicht. Und es öffnete sich eine Tür. Besonders überraschend war das nicht. Immer wieder gingen Rangierer oder jemand von der Putztruppe durch die Waggons. Diese, die letzte Waggontür, wurde aber nicht von einem der Arbeiter geöffnet. Die Hand noch am Türrahmen, erkannte ich einen jungen Mann. Eine grüne Kapuzenjacke, darüber ein grauer Anorak. Sein Gesicht wurde von der Kapuze zunächst verdeckt, zeigte sich dann aber als freundlich, jung, mit Drei-Tage-Bart.

Mein Herz klopfte, als sie die Tür öffnete. Diese rehbraunen Augen, dieses makellose Gesicht. Und besonders dieser unglaublich lange und schlanke Hals. Sie strahlte. Mit ihrem ganzen Körper. Eine Aura schien sie zu umgeben. Sie lächelte und sagte nur “Hi.” Was auch völlig ausreichend war. Ich trat ein und wir küssten uns. Leidenschaftlich wie immer. Sie duftete himmlisch, auch wie immer. Doch dieser Duft vermischte sich bald mit den leckeren Gerüchen, die nur aus ihrer Küche stammen konnten. Sie führte mich an der Hand zum Tisch, bat mich Platz zu nehmen und verschwand. Es sollte ein wundervoller Abend werden. Wir machten Witze darüber, was das dritte Date zu bedeuten hatte. Doch die Gespräche wurden auch tiefgründiger, das grobe Kennenlernen war abgeschlossen, die Eckdaten bekannt, das Flirten begann ernst zu werden. Wir wollten uns näher kommen, mehr erfahren, den anderen verstehen. Sie faszinierte mich. Die Art wie sie sprach, die Art wie sie lachte. Und mir entgingen auch nicht die kleinen leisen Momente, in denen sie verträumt die brennende Kerze auf dem Tisch betrachtete, damit ich mich fragen konnte, woran sie wohl gerade dachte. Wir tänzelten um uns herum. Und wir machten das gut.

Er blieb einfach in der Tür stehen. Und wir sahen uns an. Schweigend. Wie in Zeitlupe rollte ich an ihm vorbei, die Augen fixiert auf das Gegenüber. Ich dachte daran, den Funksprecher in die Hand zu nehmen, um irgend jemandem mitzuteilen, dass hier eine Privatperson auf dem Bahngelände unterwegs sei. Doch ich tat es nicht. Wir blickten uns einfach nur an. Er schien nicht erschrocken zu sein, machte sich auch offenbar keine Gedanken darüber, dass er etwas unerlaubtes tat. Natürlich, er war jung, warum sollte ihn das kümmern? Seine ganze Erscheinung wirkte etwas verwahrlost. Vielleicht ein Landstreicher? Ein Ausreißer, der einen Platz für die Nacht suchte? Denkbar ungeeignet, hier danach zu suchen.

Das Essen hatte vorzüglich geschmeckt. Noch als wir uns vom Tisch erhoben, wischten wir uns die Lachtränen aus den Augen. Wir hatten einen ähnlichen Humor und unser Necken und Ärgern nahm teilweise schon überhand. Wieder nahm sie mich bei der Hand und führte mich zu ihrem Sofa. Es sollte eigentlich ein gemütlicher Filmabend werden, doch wir wussten beide genau, dass kein Hollywood-Produkt interessant genug sein konnte. Aus anfänglichem Kuscheln wurde handfestes Küssen, aus zartem Streicheln wurde bald wildes Erkunden. Und als sie sich vom Sofa erhob und mit einem Grinsen in Richtung ihres Schlafzimmers nickte, mussten keine weiteren Worte gewechselt werden.

Er hatte sich noch immer nicht bewegt und ich würde in wenigen Sekunden an ihm vorbei gefahren sein. Erst jetzt hob ich meine Hand um nach dem Funkgerät zu greifen. Doch ich hielt inne. Denn auch er hob seine Hand. Und tat etwas, das ich nicht erwartet hätte. Er winkte. Und dabei lächelte er. Wie an einem Bahnsteig stehend und einem lieben Menschen zum Abschied winkend, schien er sich von mir verabschieden zu wollen. Ich unterdrückte den Impuls, zurück zu winken. Und da war ich auch schon an ihm vorbei. Aus dem Fenster gelehnt konnte ich erkennen, wie er dem Waggon entstieg und in Richtung eines kleinen Wäldchens verschwand, die grüne Kapuze auf dem Kopf, den Kragen seines grauen Anoraks nach oben geschlagen. Erst jetzt griff ich zum Funk.

Wir wussten, was passieren würde. Und es passierte. Alles war perfekt. Von unserem ersten Kennenlernen bis zu diesem Moment hätte es nicht besser laufen können. Wir hatten uns gefunden. Während ich sie betrachtete, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als mit dieser Frau glücklich zu werden, wie sie entspannt, schwer atmend, nach Salz und Parfum duftend neben mir lag und mich mit weit geöffneten Pupillen betrachtete. “Komm her”, flüsterte sie und ich schmiegte mich an sie. Zeit hatte keine Bedeutung, weshalb ich auch nicht wusste, wie lange wir einfach nur nebeneinander lagen, uns wärmten und beim Atmen zuhörten. Die Stille in ihrem Schlafzimmer wurde irgendwann durch eine Frage gebrochen, die ich gerade jetzt nicht erwartet hätte. “Sag mal, du bist doch Lokführer. Hast du schon einmal einen Menschen überfahren?” Natürlich kannte ich diese Frage. Sie war meist die Dritte in der der Reihe, wenn jemand erfuhr, dass ich Lokführer war: “Fährst du auch ICE? Kann ich mal mitfahren? Hast du schon mal jemanden überfahren?” Doch genau in dieser Situation wusste ich zunächst nicht, wie ich reagieren sollte. “Ja, habe ich”, sagte ich daher nur knapp. “Erzählst du es mir?”, bat sie mich und ich tat ihr den Gefallen. “Es war Nachts. Ich hatte den Schlafwagenzug auf 120 km/h beschleunigt und das Fernlicht an. Da sah ich ihn, wie er neben dem Gleis kniete, in meine Richtung sah und kurz vor dem Aufprall seinen Kopf auf die Schiene legte. Ich hatte in dem Moment, als ich ihn sah, schon eine Schnellbremsung eingeleitet und blieb mit dem Fuß auf der Hupe. Aber das hilft nicht. Es ist immer zu spät und unvermeidbar. Der Aufprall war überraschend laut. Das Geräusch habe ich heute noch in den Ohren. Irgendwann kam der Zug zum Stehen, ich setzte einen Notruf ab und wartete, bis die Notärzte und die Polizei kam.” Sie hatte sich derweil zu mir gedreht und mich stumm bei meinen Erzählungen beobachtet. “Das klingt schrecklich”, sagte sie leise. “Ist es auch”, stimmte ich ihr zu. “Es ist furchtbar, dieses Wissen zu haben, nichts tun zu können, nicht ausweichen zu können. Und in dem Moment, wo es passiert, wirst du als Lokführer vom Täter zum Opfer. Denn du wirst ab da gezwungen, damit klar zu kommen, dass du einem Menschen das Leben genommen hast.” Sie dachte nach und sagte dann: “Aber so ist es doch nicht.” Ich nickte. “Ja, ich weiß, dass es nicht so ist. Aber so fühlt es sich an.”

Der Rangierer reagierte äußerst gelassen, als ich ihm schilderte, was ich gesehen hatte. “Wohin ist er gelaufen? Da hinten in den Wald? Dann hat er Angst bekommen und ist weg.” Es gab letztlich kaum Grund, daran zu zweifeln, also setzten wir unsere Arbeit fort. Bald sollte ich Feierabend haben. Die Zweifel kamen mir erst, als eine halbe Stunde später über Funk informiert wurde, die Einfahrt in den Hauptbahnhof sei wegen eines Suizids gesperrt worden. Ein ankommender Zug hatte eine Person auf den Gleisen überfahren. Direkt vor der Brücke. Hinter dem Wäldchen. Aus meinem Zweifel wurde schlagartig Gewissheit. Ich wusste, was passiert war.

Sie war in Gedanken ganz woanders. Zwar streichelte ihre Hand meinen Rücken, aber das tat sie automatisch. “Kann ich dich fragen, warum du das wissen wolltest?” Sie atmete tief ein. “Weil ich wissen wollte, was bei dem Menschen passiert, der da auf der Lok sitzt. Wie er das erlebt. Ob er darüber hinweg kommt” sagte sie schließlich und wagte dabei kaum, mir in die Augen zu sehen. “Die meisten kommen darüber hinweg. Das muss man, sonst könnte man den Job nicht mehr machen”, versuchte ich sie zu beruhigen. “Aber ich verstehe noch immer nicht, weshalb wir gerade jetzt darüber sprechen.” Sie drehte sich wieder zur Seite, weg von mir und starrte gegen die Wand. “Weil ich das wissen wollte, seit ich dich kennen gelernt habe. Es gibt einen Grund, warum ich das wissen muss.” “Und der wäre?”

Die Strecke war noch immer gesperrt, als ich Feierabend hatte. Man sah die Lichter vor der Brücke. Die Rettungsleute rannten mit ihren Taschenlampen und Scheinwerfern herum. Mir war klar, dass ich niemals würde einschlafen können, nein, dass ich mich mein Leben lang mit der Frage quälen würde, wenn ich nicht sofort die Gewissheit bekäme. Ich beschloss, zum Unfallort zu fahren.

“Vor knapp sieben Jahren habe ich meinen Bruder zum letzten Mal gesehen. Er, ähm, hatte Probleme, war depressiv und nun ja, immer unglücklich. Ich habe ihn geliebt, wir alle taten das, die ganze Familie. Aber das genügte nicht. Wir kamen nicht an ihn heran. Und ich erinnere mich, wie er zu mir sagte, dass es ihm leid täte, uns so weh zu tun. Am nächsten Tag war er verschwunden. Ohne weiteres Zeichen, ohne es zu erklären. Es war, als würde er nur verschwinden, um uns nichts aufzubürden. Dabei machte er es nur noch schlimmer. Zwei Jahre lang suchte ich ihn. Egal, wohin ich ging, wohin ich fuhr, ständig hielt ich Ausschau. In jedem Kerl seines Alter erkannte ich sein Gesicht. So oft blieb mir das Herz stehen.  Zwei Jahre lang, in denen ich mich fragte, ob ich etwas falsch gemacht hatte, ob ich ihm hätte helfen können. In denen ich mich fragte, wie es ihm ging. Ob er einen Ort gefunden hatte, an dem er glücklich sein konnte.” Ihre Stimme versagte, die Augen glasig. “Und dann?” fragte ich. “Und dann kam ein Anruf von der Polizei. Sie hatten ihn gefunden. Er war tot. Hatte sich vor einen Zug geworfen.” Ihr Blick verriet mir, dass ich etwas dazu sagen sollte, doch es wollte mir nichts einfallen, außer einem “Oh Gott.”

Ich stieg in mein Auto und fuhr vom Parkplatz. Direkt unter dem sehr hohen Bahndamm führte die Straße entlang, die mich nach Hause bringen sollte. Ich sah die Rettungswagen bereits von weitem, stellte mein Auto ab und suchte einen Weg hinauf zu den Gleisen.

Ihr Gesicht spiegelte den Schmerz wider, den sie so lange in sich verborgen gehalten hatte. “Verstehst du? Ich muss wissen, was passiert, wenn sich jemand vor einen Zug wirft. Ich muss wissen, ob es schnell geht, ob er hat leiden müssen. Ich muss wissen, was er damit anrichtete. Ich habe so viele unbeantwortete Fragen. Er ging einfach und dann nahm er sich auch noch das Leben. Kein Abschied, keine letzten Worte, so als wäre er einfach aus meinen Leben heraus gerissen worden.” “Ich verstehe das”, antwortete ich und wischte ihr die Tränen von der Wange. “Ich verstehe das.” Eine Zeitlang lagen wir schweigend da. Dann fragte ich “Wie alt war dein Bruder, als es passierte?” “Er war 22 als er ging. Mit 24 nahm er sich das Leben. Aber Warum? Warum suchte er keine Hilfe? Warum war er so verzweifelt, dass er keinen anderen Ausweg sah, als sich mitten in der Nacht in Basel auf die Gleise zu stellen? Seit fünf Jahren quälen mich diese Fragen, wie es mit ihm zu Ende ging.”

Auf dem Bahndamm angekommen und auf den gesperrten Gleisen stehend, sah ich in einiger Entfernung den Zug. Geräuschlose Lichtkegel tanzten um ihn herum, der Wind wurde kälter. Vorsichtig setzte ich mich in Bewegung, immer versuchend, mit großen Schritten die Schwellen zu erwischen. Es dauerte nicht lange bis ein junger Polizist auf mich aufmerksam wurde und mir entgegen kam, um mich aufzuhalten. Er fragte, was ich hier oben zu suchen hätte und ich erklärte mit knappen Worten, dass ich Lokführer sei und das, ähm, Opfer womöglich gesehen habe. Er überlegte kurz, dann fragte er: “Würden sie mitkommen, um ihn zu identifizieren?” Ich nickte und wir gingen los.

Ich stutzte. “In Basel war das? Vor fünf Jahren?” fragte ich. “Ja. Irgendwann früh am Morgen, als es noch dunkel war, wie mir die Polizei erzählte.” Mein Blick versteinerte sich und sie bemerkte diese Veränderung sofort. “Was ist los?” fragte sie besorgt. Ich versuchte Worte zu finden, stammelte, flüsterte aber nur wirres Zeug. Gedanken schossen mir durch den Kopf, Bilder, Erinnerungen. Basel, früher Morgen. Fünf Jahre. Das konnte doch nicht sein. Es musste sich um einen dummen Zufall handeln. “Was ist los, sag es mir”, drängte sie. Ich sah sie an. “Hast du ein Foto von deinem Bruder?” Sie stand auf, ging hinüber zu einem Bücherregal und zog ein Album heraus. “Ja. Hier.”

Unser Marsch führte an dem stehenden Zug entlang in Richtung der aufgebauten, großen Scheinwerfer. So weit, bis ich es erkennen konnte und mit einem heftigen Schnauben stehen blieb. Der Körper lag im Gegengleis, es musste ihn von der fahrenden Lok weg geschleudert haben. Zunächst hätte man es auch für einen Sack oder einen Haufen alter Klamotten halten können. Doch dort war eine Hand, dort ein Fuß. Und dort…

Sie gab mir das Foto auf dem ein junger Kerl zu sehen war. Lächelnd, aber mit einer unbestimmten Melancholie in den Augen. Ich flüsterte nur: “Oh mein Gott. Wann wurde dieses Foto gemacht?” “Du machst mir Angst”, sagte sie und drückte ihr Kissen nah an sich “vielleicht ein halbes Jahr bevor er verschwand. Warum denn?” Ich richtete den Blick wieder auf das Foto. Sah ihn an, wie er in die Kamera blickte, sein Gesicht umrandet von einer grünen Kapuze, darüber einen grauen Anorak tragend. “Ich habe ihn gesehen”, sagte ich leise.

Und dort war ein grauer Anorak. Darunter eine grüne Kapuze, die sich braun gefärbt hatte durch das Blut. Mir wurde eiskalt. Der Anorak. Die Kapuze.

Fünf Jahre später lag ich nackt im Bett einer Frau, die blass und zitternd kämpfte, um die Worte verständlich aussprechen zu können. “Du hast was?” – “Ich… habe ihn gesehen. Ich… oh mein Gott. Ich war dort. In jener Nacht. Ich erkenne ihn wieder. Ich habe dort gearbeitet in dieser Nacht und ich habe ihn gesehen.” Sie sammelte alle Kraft, um die Frage zu stellen: “Nach dem Unfall?” Ich schüttelte langsam den Kopf. ” Nein, ich sah ihn kurz vor dem Unfall. Noch… lebend.” Wenn jahrelanger Schmerz aus einem Menschen heraus bricht, ist das nur schwer zu beschreiben. Er scheint wie eine Lawine unaufhaltsam alles mit sich zu reißen. Niemals zuvor musste ich so hilflos zusehen, wie jemand derart zusammen brach, sich so dieser Wucht des Aufpralls ergab. Niemals zuvor fühlte ich mich so hilflos, weil ich sah, wie ihre Welt, die sie fünf Jahre umgeben hatte, regelrecht zu explodieren schien. Sie rang mit sich, wollte weitere Fragen stellen, doch es gelang ihr nicht. “Du… du… hast ihn… gesehen?” Was konnte ich nur tun? Was geschah hier? Wie konnte das passieren? Was hatte ich ihr nur angetan? Die Fragen prügelten sich durch meinen Kopf, zusammen mit den Erinnerungen und der Verwirrung. Ich versuchte sie zu berühren, sie zu halten, doch sie stieß meine Hand davon. “Du… hast…”, versuchte sie es weiter. Und ich erkannte, dass ich ihr die Geschichte erzählen musste. Von meiner langsamen Fahrt durch die Waschanlage, von der Begegnung mit ihm, davon, dass wir nichts zueinander sagten und davon, dass er schließlich wieder verschwand, so schnell wie er aufgetaucht war. “Du willst mir damit sagen…, dass du der letzte Mensch warst, der ihn lebend gesehen hatte? Ist es das?” Verdammt, ja. Genau das erzählte ich ihr gerade.  “Und… und, wenn das so war. Wie wirkte er auf dich? Was tat er? Wie sah er aus?” Gedankenblitze, Bilder, Erinnerungen, alles kam zurück, schossen mir schockartig durch meinen Kopf und verharrten. Ich war wieder in jener Nacht, saß wieder auf der Rangierlok, sah ihn im Türrahmen stehen. Meine Lippen bewegten sich und sprachen, als würde es jemand hören: “Er lächelt. Und er winkt. Er winkt mir zu, als würde er sich verabschieden. Er scheint beinahe glücklich, als würde er sich auf eine Reise begeben und sich einfach verabschieden wollen.”

Wir lagen eine lange Zeit schweigend nebeneinander, noch immer nackt und schutzlos und hielten uns lediglich an den Händen. Der Versuch, die Gedanken und Gefühle in unseren Köpfen zu sortieren und einzuordnen, war beinahe hörbar. Lautes Schweigen erfüllte den Raum. Irgendwann drehte sie sich zu mir um, die Augen rot von den Tränen, das Gesicht müde aber entspannt und fragte: “Glaubst du an Schicksal?” Ich musste nicht lange über eine Antwort nachdenken. “Seit heute wieder mehr, ja. Es tut mir so leid, dass ich dir mit dieser Geschichte solche…” Doch sie unterbrach mich. “Sag es nicht. Entschuldige dich bitte nicht. Du musst verstehen, dass ich mich seit sieben Jahre frage, was in ihm vor ging. Und seit fünf Jahren quält mich dieser Gedanke, wie es passierte und warum. Ich wollte immer wissen, wie er sich gefühlt hat. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich dieser Gedanke tröstet, dass er mit einem Lächeln ging. Denn es bedeutet, dass es gut für ihn war. Und er hat sich verabschiedet. Stellvertretend für alle, hat er sich bei dir verabschiedet.” Sie machte eine Pause und fügte hinzu: “Es musste so sein, dass wir uns begegnen. Damit du mir das sagen konntest.”

Dann schliefen wir ein. Und sie sagte mir am nächsten Morgen, dass sie schon lange nicht mehr so gut geschlafen habe. Wir verabschiedeten uns, ohne auszusprechen, was beide wussten. Ein Paar würden wir niemals werden. Es hatte nur einen bestimmten Grund gegeben, weshalb wir uns begegnet waren. All die Verliebtheit, all der Zauber war verschwunden und wichen einer unbestimmten Zufriedenheit, einem tiefergehenden Glücksgefühl. Wir hörten nie wieder voneinander. Aber alles war gut.

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Alles Geschaut

Avatar

Ja, okay, Avatar ist Pocahontas in Space. So what? Ja, okay, man kann Avatar sehr vieles vorwerfen: kein wirkliches Charakter-Design, keine neuartige Story, flache Figuren und Dialoge. Ja, und manche schaffen es sogar, dem Film Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorzuwerfen. Neben der Holzhammer-artigen Message und Philosophie. Avatar bietet genug Fläche für Unmut und Hass. Der Film bietet aber auch genug Fläche, um ihn für einen der besten des vergangenen Jahres zu halten.

Wer in einen Film wie Avatar geht und eine Litarturverfilmung erwartet, der möchte auch bei der Pizzeria um die Ecke einen 5-Sterne-Koch wissen. Avatar ist in erster Linie Spektakel, Bildgewalt, Feuerwerk. Und das par excellence. Noch nie, und ich wiederhole es gerne, noch nie habe ich etwas derartiges auf der Leinwand gesehen. Als James Cameron immer wieder betonte, er würde nur deshalb so lange an dem Film arbeiten, weil die Technik noch nicht so weit sei, ahnte ich Schlimmes. Schon die Matrix-Macher erzählten ähnliches über ihre Fortsetzungen. Wer Avatar aber insbesondere in 3D gesehen hat, kommt kaum umhin, Cameron beizupflichten. Als Schauwert ist der Film quasi perfekt.

Die Grenzen zwischen Realität und Computer-Design sind noch nie so gut verschwommen. Obwohl die blauen, unwirklichen Navii aus dem Rechner stammen, vergisst man das schon nach wenigen Minuten.  Man vergisst alles. Der Film reißt einen mit, katapultiert den Zuchauer in eine fremde, faszinierende und wunderschöne Welt und nimmt ihm dabei den Atem. Genau dafür wurde Kino erfunden. Wie neu muss eine Geschichte sein, damit sie fesselt? Überhaupt nicht. Nicht das Neue fasziniert, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Und hier erlaubt sich Avatar kaum Schnitzer.

Kino, das mich den Atem anhalten lässt, das mich alles um mich herum vergessen lässt, das mich zum lachen bringt, mir Tränen in die Augen treibt und mich die Sitzlehne fester packen lässt, hat meiner Ansicht nach alles richtig gemacht. Avatar macht in dieser Hinsicht alles richtig. Er erzählt eine im Grunde bekannte Geschichte auf die bester aller Arten. Und ich persönlich bekomme lieber alte Geschichten packend erzählt, als neue lahm.

Während des Abspanns da zu sitzen und keine Worte zu finden, was man eben zweieinhalb Stunden erlebt hat, ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert. Im Übrigen bin ich auch erst jetzt davon überzeugt, dass der derzeitige 3D-Wahn seine Berechtigung haben kann. James Cameron hat sich mit diesem Film ein weiteres Denkmal gesetzt und es ist schon bezeichnend, dass er nun mit zwei Filmen die Liste der erfolgreichsten Filme anführt. Ich finde Avatar fucking großartig. Ich war und bin begeistert. In allen drei Dimensionen.

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Alles Geschrieben

Der richtige Weg

dunkel breitet er sich vor dir aus
verschwindet noch vor dem horizont
um dich herum nur dunkler wald
stimmen flüstern daraus
machen dir angst, zwingen dich zum umkehren
zum aufgeben
doch du weißt
du bist auf dem richtigen weg

siehst du die lichter da vorne
dort willst du hin
nur wenige werden verharren
andere kommen dir entgegen
rempeln dich an, reißen dich um
lassen dich straucheln
doch du wirst aufstehen und weiter gehen
denn du bist auf dem richtigen weg

du hast abkürzungen genommen
bogst falsch ab
und fandest dich in sackgassen wieder
abkürzungen führen nie ans ziel
manch leuchtende wege verlieren sich
nur deshalb bist du dir sicher
du bist auf dem richtigen weg

kein flüstern schreckt dich mehr
kein rempeln und straucheln hält dich auf
du weißt, wohin du willst
zu dem einen licht das verharrt
du kennst dein ziel
und du bist
auf dem richtigen weg

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Alles Persönlich

Was bloggen wir denn heute?

Wenn einer der Gründe, sich vom bloggen zu verabschieden der ist, nicht mehr so öffentlich zu leben und nicht mehr so viel von sich preis zu geben, dann hat man natürlich ein kleines Problem, wenn man doch wieder bloggt. Ein Blog ist per se immer persönlich. Selbst Kino-, Kochrezepte-, und Bastelanleitungstippsblogs sind in erster Linie persönlich (wenn sie von Privatpersonen erstellt und gepflegt werden). In diesen Fällen bestimmt letztlich nur das Thema den Ton. Beschließt man also zu bloggen ohne dabei persönlich zu werden, so muss man andere Themen finden.

Seit dem 1.Januar hat mein Blog fünf neue Artikel zu bieten und ich muss gestehen, sie sind doch wieder persönlicher geworden als geplant. Ich kann auch hier offenbar nicht so wirklich aus meiner Haut. Denn die Alternative wäre wirklich nur, über Filme und Spiele zu schreiben. Oder das blöde Fernsehprogramm. Oder das Wetter. Nun ja. Nicht so prickelnd. Dazu gehen mir zu viele andere Dinge durch den Kopf und die wollen raus.

Bloggen wird irgendwann zum Bumerang. Das Netz vergisst nie. Und die Leser erst Recht nicht. Bei jedem Satz muss im Hinterkopf die kleine Glocke läuten, die daran erinnert, dass jeder geschriebene Satz etwas bewirken kann, etwas auslöst. Wenn ich etwas hasse, dann sind es subtile Mitteilungen, die man in dieser medialen Welt lancieren kann. Früher, da ging man sich aus dem Weg und sah und hörte sich nie mehr.  Heute hinterlassen wir subversive Meldungen bei Twitter und Facebook, zeigen der Welt und ganz besonders dieser einen Person recht deutlich, was wir nicht persönlich sagen wollen oder können. Wir bloggen über ein bestimmtes Thema und wissen, dass eine ganz bestimmte Person es lesen und ganz genau verstehen wird, was wir damit meinen. Oder die Freunde dieser Person, die es pflichtbewusst weiter tragen.

Das ist nicht schön. Und führte dazu, bereits jetzt drei Blogartikel auf Halde zu haben, die ich nur nicht veröffentliche, um keine Mitteilungen zu verschicken. Nicht einmal unbeabsichtigt. Ich fürchte, bestimmte Menschen könnten eben jene Artikel falsch verstehen und genau das gilt es zu vermeiden. Auf einem Blog macht man sich angreifbar. Und manchmal greift man auch an. Ich kenne das. Es ist ein schreckliches Spiel.

Und was ist die Konsequenz daraus? Man könnte es sich leicht machen und sagen: Ich bin nur dafür verantwortlich, was ich sage/schreibe, nicht dafür, was du verstehst. Doch damit macht man es sich vielleicht doch zu einfach. Blogs und das Web2.0 sind nicht die reale Welt, ersetzen niemals ein Gespräch, sind kein echter Dialog, kein Austausch, sondern nur eine Ansammlung von Phrasen und Gedanken, die verstreut werden, in der Hoffnung irgendwo anzukommen.

Aber es gibt persönliche Dinge, die ich loswerden möchte und das werde ich auch genau hier tun. Ich werde niemals jemanden direkt angreifen und ich werde ganz bestimmt keine subtilen Mitteilungen machen. Selbst dann nicht, wenn ich GENAU weiß, dass ein bestimmter Mensch es liest. Was ich den Menschen zu sagen habe, das sage ich ihnen. Und was ich denke – nun, auch das sage ich. Und ein winzig kleiner Bruchteil davon erscheint hier. Warum das so ist, darüber denken wir dann ein ander Mal nach.

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Alles Erzählt

Verschick dein Gold

In mir brennt gerade eine neue phantastische Geschäftsidee. Eine Idee, die mich so richtig reich machen könnte. So richtig richtig reich. So Scheiße-reich, dass ich mir alle zehn Minuten auf jedem deutschen Sender Werbespots leisten könnte und dennoch nicht pleite ginge. Und ich kann gar nicht fassen, dass bislang niemand auf diese Idee gekommen ist. Denn sie ist so simpel, wie man es sich nur vorstellen kann. Wie die meisten erfolgreichen Ideen. Und da ich ein so generöser Mensch bin, lasse ich euch, meine mir treu gebliebenen Leser, daran teilhaben. Passt auf, folgendes stelle ich mir vor:

Ich stelle einen Service zur Verfügung, bei dem die Leute ihr altes Gold loswerden können. Niemand braucht Gold. Alle wollen Geld. Denn Geld ist beständig und Gold verliert pausenlos an Wert. Das ist zwar alles nicht wahr, aber das mache ich den Leute schon noch weiß. Die Leute wissen einfach noch nicht, dass sie ihr Gold loswerden wollen. Und noch viel schlimmer, sie wissen auch nicht wie. Da komme ich ins Spiel. Ich biete ihnen einen Service der verführerischer kaum sein kann. Meine Kunden können bei mir kostenlos eine Tüte bestellen. In diese packen sie dann ihr ganzen Altgold und schicken die pralle Tüte mal einfach so an mich zurück. Echt, ich bin sicher, das machen die, obwohl sie weder mich noch mein Unternehmen kennen. Wie gesagt, die wollen ihr Gold ja um jeden Preis los werden (weil ich ihnen das einrede). Und was ist schon dabei, sein Vermögen ohne Sicherheit an wildfremde Menschen zu schicken? Wenn das Zeug bei mir ankommt, lege ich es billigen Gutachtern vor, die kennen sich besser aus als ich. Diese stellen den Wert des Goldes fest und ich – passt auf, jetzt kommt das magische – überweise sofort den Betrag an den Absender. Naja, also nicht den ganzen Betrag versteht sich. Etwa 15% des Wertes. Der Rest geht selbstverständlich für Aufwandsentschädigung, Steuer, Personalkosten, Porto und Werbung drauf. Die (für mich leider nicht) kostenlosen Tüten nicht zu vergessen. Und hey, ich will ja auch ein wenig daran verdienen, haha.

Versteht ihr? Die Leute schicken mir einfach so ihr Gold und ich gebe ihnen nicht mal ansatzweise das Geld, das es wert ist. Das funktioniert. Hat ja bei der Abwrackprämie auch geklappt. Ich sage immer: Mach es den Leuten so einfach wie möglich, ihr Vermögen loszuwerden. Denn sie wollen es loswerden. In meinem äußerst seriösen Werbespot lasse ich dann zur Untermauerung der Sicherheit und Attraktivität meines Angebots einen “Kunden” auftreten, der den Zuschauern mit ernster Miene erzählt, dass er knapp 200 Euro überwiesen bekommen hätte und überrascht war, wie schnell das ging. Hat er natürlich nicht. Und hätte er 200 Euro bekommen, so hätte ich Gold im Wert von weit über 2000 Euro in seiner Tüte gehabt. Aber das weiß der arme Trottel ja nicht.

Ich bin so von dieser Idee überzeugt, dass ich mich gleich daran mache… wie, was? Das gibt es schon? Wollt ihr mich verarschen? Diese Idee hatte schon jemand? Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein. Oder?

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Alles Persönlich

Vorsätzlich

Zu Silvester ist es Brauch, sich gute Vorsätze für das kommende Jahr zu machen. Meist werden sie nicht eingehalten und irgendwie weiß auch jeder, dass es nichts bringt, sich an einem willkürlichen Datum wie dem 31.12 etwas für das komplette neue Jahr vorzunehmen. Dennoch tun es die meisten. Wichtig dabei ist, ganz im Vergleich zum Sternschnuppen-Wünschen, die Vorsätze laut und deutlich auszusprechen, so dass ein jeder sie hören und einem ein Jahr später um die Ohren pfeffern kann, wenn man sie nicht eingehalten hat. Das Schöne an einem Blog ist: ich kann das in aller Öffentlichkeit tun.

Dass (ein Großteil von) 2009 mein persönlich beschissenstes Jahr überhaupt war, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Umso wichtiger wiegen meine vier Vorsätze für 2010. Sie sind wichtig für mich. Als Beweis für.. nunja, das kann ich sagen, wenn ich es geschafft habe. Vermutlich nur als Beweis, es schaffen zu können. Bitte fragt im September nochmal, wie weit ich mit meinen Vorsätzen gekommen bin und schlagt mich im Dezember, wenn ich nicht wenigstens einen davon umsetzen konnte.

1) Ich möchte endlich wieder Gitarre spielen. Diesen Wunsch trage ich nun schon seit so vielen Jahren mit mir herum und irgendwann vor langer Zeit nahm ich sogar an einem Einsteigerkurs teil. Das Wissen von damals ist mittlerweile komplett verschwunden. Es wäre also nötig, wieder ganz von vorne anzufangen. Das nehme ich mir für 2010 vor.

2) Ich möchte Spanisch lernen. Und ehrlich gesagt, frage ich mich hin und wieder, weshalb eigentlich. Ich könnte auch mein Englisch aufbessern, Italienisch lernen oder Russisch. Aber ich entschied mich für Spanisch. Zwei der wichtigsten Sätze kann ich bereits (Ja, ich habe sehr viel gelernt im letzten Jahr, unter anderem auch dies): “Necesito un beso” und “Te chiero tus ojos” Ich möchte 2010 endlich einen Spanischkurs machen.

3) Ich möchte mich in einem Ruderverein anmelden. Sport tut Not, aber da mir Schwimmen Nackenprobleme bereitet und ich mit Joggen nun gar nichts anfangen kann (trotz schweineteurer Schuhe), erinnerte ich mich an das Rudern. Ich habe immer gern gerudert, selbst wenn es nur an den entsprechenden Maschinen im Fitness-Studio war. Rudern ist perfekt für den Oberkörper und den Rücken. Es ist entspannend oder auspowernd. Und ich stelle mir die Einsamkeit auf dem Wasser, während man im Flow der Bewegung ist, als beruhigend Zen-artig vor. Ich möchte 2010 regelmäßig rudern gehen.

3.5) Das Gesamtziel ist natürlich mehr als offensichtlich: Ich möchte ein muskelbepackter Gitarrenspieler werden, der am Lagerfeuer spanische Liebeslieder schmettert. Ein Scherz.

4) Der letzte und wichtigste Vorsatz. Und da er die größte Bedeutung für mich hat, habe ich ihn direkt einmal abgeändert. Ursprünglich war der Vorsatz 2010 glücklich zu werden. Doch was heißt das? Wann ist man das? Was bedeutet glücklich? Und wie lange? Habe ich es geschafft, wenn ich eine Woche glücklich bin? Zuviele Fragen, die nicht beantwortet werden können. Deshalb lautet mein wichtigster Vorsatz für 2010 schlicht und einfach:

4) Ich möchte lieben. Ich möchte richtig und ehrlich lieben und im Idealfall dieses Gefühl erwidert bekommen. Alles weitere (auch das mit dem Glück) findet sich dann von alleine. Denn letztlich will ich die spanischen Liebeslieder auf meiner Gitarre nur für eine Frau spielen. Die ich von ganzem Herzen liebe. Kein Scherz.

Ich habe noch 363 Tage Zeit! Ich schaffe es.

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60 Stunden Solitaire

Der Name Solitaire stammt aus dem französischen und bedeutet “Allein”. Und er bezeichnet unter anderem ein populäres Kartenspiel, das natürlich allein gespielt wird. Man versucht dabei Ordnung in ein Chaos von herumliegenden und verdeckten Karten zu bringen. Auf meinem iPhone habe ich eine Variante dieses Spiels und die darin befindliche Statistik sagt, ich hätte in den letzten Wochen insgesamt 60 Stunden gespielt. Zweieinhalb Tage habe ich demnach nichts anderes getan, als Karten aufzudecken, sie zu ordnen und zu versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Zweieinhalb Tage meines Lebens. Nur für ein Spiel. Es bedarf keiner großen Phantasie um die Metapher zu erkennen, die ich hier zu beschreiben versuche.

Vor etwas mehr als zwei Monaten zog ich mich aus dem Netz zurück. Quasi komplett, bis auf E-Mail und das Chatprogramm Skype, das mich nicht völlig von meinen Kontakten Abstand nehmen ließ. Selbst mein Blog ließ ich zurück. Dieser Schritt war wohl überlegt, nötig und richtig. Ich bereue ihn nicht. Ich habe die letzten zwei Monate genutzt, Ordnung in das Chaos zu bringen, unaufgedeckte Karten zu betrachten und zu versuchen, endlich Klarheit zu erlangen. Was soll ich sagen, es ist mir zu einem großen Teil gelungen und zu einem noch größeren noch nicht. Ich starte das neue Jahr 2010 mit vielen Erkenntnissen, mit vielen Plänen und mit einem Berg an Arbeit. Und ich kehre zurück ins Netz.

Ab sofort möchte und werde ich wieder bloggen. Das Schreiben hat mir schon immer geholfen, bereits damals, als ich aus Liebeskummer meinen ersten Roman verfasste. Schreiben gehört zu mir. Ich habe es sehr vermisst. Allerdings werde ich unter anderen Voraussetzungen bloggen. Meine Geschichten bleiben persönlich, das Blog wird weiterhin deutlich als mein Blog zu erkennen sein. Aber ich setze mich nicht mehr unter Druck damit. Ich schreibe nur noch, wenn mir etwas einfällt und meine Kreativität mich nicht im Stich lässt. Ansonsten nicht. Bloggen soll Spaß machen und diesen Spaß versuche ich wieder zu finden.

Auch das Design hat sich geändert. Nunmehr noch minimalistischer. Damit möchte ich ein Zeichen setzen, dass es mir in meinem Blog einzig und allein um Texte und Fotos geht. Der ganze “Social-Kram”, die ganzen technischen Spielereien bleiben absichtlich außen vor. Hier gibt es nur was zu lesen, nichts zu spielen.

Ich habe auch meinen Facebook-Account reaktiviert. Und auch dies ist wohl überlegt. Mein Rückzug von allen Kontakten (bis auf Skype) sollte mir helfen, mich wieder auf mich zu besinnen. Um zu erkennen, was ich eigentlich möchte und wohin ich möchte. Denn diese Frage umtrieb mich das ganze Jahr 2009 und führte mich von einer Katastrophe in die nächste (oder nächst schlimmere). Nun, da ich erste konkrete Antworten gefunden habe, sehe ich keinen Sinn mehr darin, mich abzukapseln. Ich möchte mich der Welt wieder öffnen, auch wenn es nur eine virtuelle, technische Welt ist. Ich öffne mich auch nur auf einer Plattform und weit vorsichtiger und unter anderen Vorzeichen. Was ich damit meine, werden die lieb gewonnenen Menschen, die ich durch das Netz finden durfte, bald bemerken. Twitter allerdings lasse ich derzeit noch in der Schublade. Die Gründe dafür erkläre ich vielleicht irgendwann.

Wundervoll ist, dass ich das neue Jahr nicht unglücklich beginnen muss. Wo ich an einer Stelle Freunde verlor, kamen auf der anderen Seite neue dazu. Und mehr als das. Ich bin unendlich froh, diese geliebten Menschen um mich zu wissen. Zu wissen, dass sie sich kümmern, sich sorgen und dass ich so manche Karte nicht alleine einordnen muss. Und die restlichen Karten – da ist die Hoffnung größer denn je, auch das allein zu schaffen. Und währenddessen spiele ich Solitaire.

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