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Rider

Das Pferd schnaubt. Angestrengt. Doch es wehrt sich nicht, steigt den schmalen, steilen Weg empor. Die Hufe kratzen und stampfen mühsam auf dem Fels. Ich ziehe meinen Hut tiefer ins Gesicht, um mich vor dem Regen zu schützen. Ein trauriger Versuch, ich bin bereits durchnässt. Schon als ich am Flussufer auf mein Pferd stieg war klar, dass wir nicht trocken bleiben würden. Schwarze Wolken am Horizont kündeten von lange ersehntem Regen. Ich höre eine Musik, eine Westerngitarre wird gespielt. Leise, zarte Klänge, die die Ruhe und die Atmosphäre unterstreichen. Regentropfen und Saiten. Manchmal ziehe ich an den Zügeln, spreche ein sanftes Ho! zu meinem Pferd, um ihm eine andere Richtung zu weisen. Der Gipfel ist bald erreicht. Es donnert und kurz darauf erstarrt die Landschaft für eine Sekunde in einer schwarzweißen Fotografie. Das harte Land zeigt sich in harten Kontrasten und unheilvollen Schatten. Und die Musik ändert sich. Jemand singt, so als käme eine völlig neue Szene. Das Schnauben, die Hufe, das Trommeln des Regens, der Donner, alles tritt einen Schritt zurück. Lässt der Musik ihren Platz. Der Gesang, der mich begleitet, als ich auf dem Gipfel ankomme. Bleibe stehen und lasse meinen Blick schweifen. Der Horizont ist verschwunden und Himmel und Land scheinen eine Einheit zu bilden. Graues Gewitter unter mir, sandige Felsen darüber, ich kann es nicht sagen. Mein Pferd und ich berühren unwirkliche Welt, spüren unwirkliche Wetter, sehen unwirkliche Lichter, hören unwirkliche Musik. Und alles ist so wirklich. Minuten, die auch Tage sein könnten vergehen. Der Gesang verstummt. Der Regen hört auf. So ist es immer. Und ich kehre dem Tal hinter mir den Rücken zu und lenke mein Pferd in die nächste Stadt zu neuen Abenteuern.

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Von der Hand in den Mund

Niemand sieht dich komisch an, wenn du gestehst, Angst vor dem Zahnarzt zu haben. Beinahe jeder hat Angst vor Zahnärzten. Vor den Schmerzen. Vor der Hilflosigkeit, diesem Gefühl, ausgeliefert zu sein. Nicht mehr sprechen und um Hilfe schreien zu können. Und niemand geht gerne zum Zahnarzt, außer vielleicht wirklich dem einen oder anderen Masochisten.

So dachte er, auf dem schneeweißen Behandlungsstuhl sitzend. Alles in diesem Behandlungszimmer war unschuldig weiß oder apfelgrün. Lediglich eine kleine rote Lampe am modernen Monitor über seinem Kopf störte den Gesamteindruck. In der Tat, mit dieser Praxis hatte sich jemand sehr viel Mühe gegeben. Und vermutlich auch sehr viel Geld ausgegeben. Geld, das erst wieder verdient werden musste.

Natürlich hatte auch er Angst vor dem Zahnarzt. Aber aus völlig anderen Gründen als der Rest der Menschheit. Um ehrlich zu sein, machten ihn Frisörbesuche weitaus nervöser. Er hatte weiß Gott schon viele Frisöre gehabt. Mehr als Zahnärzte. Doch auch diese wechselte er bei fast jedem zweiten oder dritten Besuch. Immer dann, wenn er sich schlecht behandelt fühlte. Ungenügend beraten. Und schier abgezockt.

Zahnärzte, die ein Leuchten in den Augen bekamen, wenn sie einen Blick in des Patienten Mund warfen, mussten unbedingt gemieden werden. Das deutlich hörbare Klingeling rührte nicht von heruntergefallenem, medizinischem Besteck her, sondern von der imaginären Kasse im Kopf so manchen Arztes. Mit einem Male schienen der teure Behandlungsstuhl, die extravagante Wandbemalung und die hochmoderne IT-Einrichtung bezahlt. Vom dritten Jahresurlaub ganz zu schweigen.

Begonnen hatte alles mit dem üblichen Dorfzahnarzt, der mit seiner Ausbildung aus den 40ern und dem Equipment aus den 50ern des letzten Jahrtausends zwar die komplette Jugend vom ersten Milchzahn bis zur ersten Zahnlücke begleitete, dabei aber Schlimmes anrichtete. Da wurde gebohrt, gezogen und mit Amalgam aufgefüllt, dass es nicht mehr schön war. Mit dem Umzug aus der Heimat kamen auch neue Ärzte und das Wissen um die Wichtigkeit gesunder und schöner Zähne. Ab hier ging es quasi nur noch um Schadensbegrenzung.

Jeder Zahnarzt den er besuchte, war ihm von jemandem empfohlen worden. Denn jeder ist mit seinem Zahnarzt zufrieden. Oder weiß es einfach nicht besser. Komischerweise schien außer ihm niemals jemand auf der Suche nach einem Zahnarzt zu sein. Jeder Befragte schwor auf seinen. So hatte ihm eine Freundin ihren Zahnarzt ans Herz gelegt. Er sei geduldig, kompetent und sehr gut, beschrieb sie. Nun, er war gut darin, Amalgam zu Gold zu machen. Im Mund und in der Tasche. Als er den Arzt Tage später grinsend und weiße Zähne bleckend in einem Jaguar vorbei fahren sah, dachte er sich, dass zumindest die Kühlerfigur nur durch seinen Besuch bezahlt worden war.

Und offenbar lernte er nicht. Immer wieder fiel er auf toll designte Homepages, teuer eingerichtete Praxen, unglaublich hübsche und freundliche Sprechstundenhilfen und warme, freundliche Worte herein. So wie auch dieses Mal. Seit zehn Minuten hockte er nervös auf dem vermutlich unglaublich teuren Behandlungsstuhl, der so strahlend weiß war, dass bestimmt noch keine zehn Patienten darauf Platz genommen hatten. Leise Musik rieselte aus einem unsichtbaren Lautsprecher, der Monitor zeigte beruhigende Tierfilme.

Doch nichts beruhigte ihn. Er wusste, dass ihm in wenigen Minuten die teuersten Behandlungen angeboten wurden, alles natürlich nötig und nur in seinem Sinne. Er schwitzte und spürte, wie sich seine Hände um die weißen Armlehnen des Stuhls  klammerten und seine Knöchel ebenso weiß hervor traten. Er musste raus, stand auf, schlich sich an der hübschen und freundlichen Rezeptionisitn vorbei und verließ heimlich die edel und teuer eingerichtete Praxis. Er würde nie wieder zurück kommen. Und beschloss, seinen Adrenalinpegel in nächster Zeit nur von einem Frisör in die Höhe treiben zu lassen. Haare wuchsen schließlich schneller nach als Zähne.

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