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Va Piano

Am Ende kam wohl alles zusammen. Größenwahn, Expansionswut, nicht mehr zeitgemäßes Konzept und zuletzt noch die Corona-Pandemie. Vapiano meldet im Jahr 2020 Insolvenz an und steht,so berichten die Medien dieser Tage, kurz vor der Zerschlagung. Es ist derzeit noch offen, ob es auch weiterhin Vapiano-Restaurants unter diesem Namen und mit dem alten Konzept geben wird. Und um ehrlich zu sein: Es ist mir relativ egal.

Dabei war ich einst glühender Verehrer und Fan, besuchte teils wöchentlich eins der 80 deutschen Restaurants der Kette. In meiner Hochzeit, in der ich viel unterwegs war, gehörte es zur Tradition, in jeder Stadt ein Vapiano besucht zu haben. Immer woanders, aber immer das Gleiche. Gleiches Essen, gleiche Einrichtung, gleiches “Schlange stehen”, gleiches “Platz suchen”. Genau was man in einer Restaurant-Kette erwartet.

Im Laufe der Zeit jedoch wurde ich des immer Gleichen müde. Obwohl sich Vapiano bemühte, Abwechslung auf die Speisekarte zu bringen, konnte doch nichts darüber hinweg täuschen, dass man doch meist bei den Klassikern blieb und von den Neu-Kreationen enttäuscht wurde.

Schlimmer fühlte sich jedoch der gesamte Ablauf des Restaurant-Besuchs an. Wo man sich beim Lieblings-Italiener um die Ecke gemütlich setzt und sich Speisen und Getränke bringen lässt, war und ist man bei Vapiano gezwungen, sich in eine Schlange zu stellen. Mutige Pärchen bleiben gemeinsam stehen und hoffen, nach der Essensausgabe Plätze zu finden, bevor das Essen kalt wird. Meist jedoch trennt man sich und steht alleine vor dem Kochplatz, während der Partner den zuvor gefundenen Platz frei hält. Und viel Glück bei größeren Gruppen, die auf ein gemeinsames Essen hoffen.

Mein Rekord des Schlange-Stehens liegt bei 55 Minuten. Anhand der Länge der Schlange ist die Wartezeit nicht abschätzbar. Zu viele Faktoren, Bestellmengen, unterschiedliche Wünsche, Geschwindigkeit des Personals erschweren die Rechnung. Ist man schließlich an der Reihe, beobachtet man die Köche und Köchinnen, beantwortet Fragen zu Knoblauch, Chili, Käse, Getränken und Brot und nimmt trotz Profi-Abzugshauben langsam den Bratgeruch der Hühnchenteile in der Pfanne an.

Im Laufe der Jahre, im Laufe vieler unterschiedlicher Restaurants, vieler unterschiedlicher Köche im gleichen Restaurant, stellte sich heraus, dass Qualität und Geschmack der Gerichte variierte. Mehr als man es bei einer Kette erwarten würde. Mehr als es beim Lieblings-Italiener um die Ecke der Fall ist.

Lange Wartezeiten, schwankende Qualität und viele weitere Details, die irgendwann nicht mehr passten. Dinge, die einst frisch und spannend waren und sich mit einem Mal fad und nervig anfühlten. Wie einer einst große Liebe, deren schrille Stimme, lautes Atmen und völlige Humorlosigkeit man nicht wahrnehmen konnte. Und mit einem Hammerschlag der Realität gewahr wird. Man hat sich entliebt. Die Trennung ist unvermeidbar.

Unzählige Arbeitsplätze hängen an Vapiano und es tut mir leid um jedes einzelne Schicksal dahinter. Dem Restaurant aber weine ich keine Träne nach. Mein letzter Besuch war vor etwa einem Jahr und endete in einem völligen Desaster, mit Diskussionen in der Warteschlange, unfreundlichem Personal und matschigen und zugleich trockenen Nudeln. Dies war der Todesstoß. Die kleine Pastaschüssel, auf die ich mit dem Treueprogramm gespart hatte, sollte ich nie bekommen (um die nötige Anzahl an Punkten zu sammeln, musste man gefühlt etwa für 2.000 Euro Pizza und Pastagerichte erwerben).

Va Piano sollte ein Omen sein. Ich ging langsam.

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Liebe ist stärker als Hass

Ich liege entspannt auf dem Sofa und lausche einer Playlist eines bekannten Musik Streaming Anbieters. Und wundere mich, wie sehr die Playlist nicht zu meinem persönlichen Musik Geschmack passt. Jammernde Folk Songs wechseln sich mit Bossa Nova Stücken ab, deutscher Hip Hop wird nach einem Hard Techno Teil gespielt. Dann beginnt ein Titel von Mark Forster. Ich bin nicht mehr entspannt, springe spätestens jetzt auf und möchte dem Algorithmus hinter dieser Playlist meine Meinung sagen.

Bei diesem Anbieter leider nicht möglich. Es gibt genau zwei Listen, in denen ich vorgeschlagene Songs und Künstler auch bewusst ablehnen kann. In allen anderen habe ich nur die Chance, es über mich ergehen zu lassen oder den Song zu skippen. Gut, das ist schon mehr als ich beim Radio könnte. Dennoch frage ich mich, weshalb meine Möglichkeiten auch im Jahre 2020 noch so begrenzt sind und weshalb die dahinter stehenden Algorithmen meinen Musikgeschmack nicht besser ermitteln können.

Und die größte Frage ist, weshalb ich nicht öfter meinen Unmut äußern kann, dem Anbieter mitteilen kann, was ich auf keinen Fall wieder hören will. Ich kann Songs nur “herzen” oder sie überspringen. Ich kann sie nur lieben oder ignorieren. Ich kann sie nicht hassen. Woran liegt das? Reagieren die Algorithmen mehr auf Liebe? Ist tief in den Eingeweiden der Musikserver Liebe stärker als Hass?

Eigentlich ein schöner Gedanke. Und vielleicht mehr mein persönliches Problem, als das des Anbieters. Kann dieser etwas dafür, dass ich einen so eingeschränkten Musikgeschmack habe? Kann er etwas dafür, dass ich mal auf einer Party Songs laufen ließ, die ich üblicherweise nie hören würde? Ist es seine Schuld, dass ich nicht immer bewusst zuhöre und zur Stelle bin, um Songs zu überspringen, sondern auch mal andere Dinge tue und Listen im Hintergrund weiter laufen?

Liebe ist stärker als Hass. Liebe mehr Musik und du wirst mehr davon hören. Okay, aber Mark Forster geht nun mal gar nicht, ey.

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