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Feed me, Seymor!

Aktuelle, technische Produkte sollen unser Leben erleichtern, uns im Alltag unterstützen und unliebsame Pflichten abnehmen. Ja, sie sollen sich um uns kümmern. Mitunter beschleicht mich allerdings das Gefühl, dass ich mich mehr um meine Geräte kümmern muss, als sie sich um mich. Ähnlich der fleischfressenden Pflanze Audrey II aus dem großartigen Musical “Little Shop of Horror”, die den armen Seymor pausenlos damit quält, endlich gefüttert zu werden, wollen alle Gerätschaften in diesem Haushalt etwas von mir.

Auch wenn die meisten Rückmeldungen durch optische Anzeigen oder akustische Warnsignale erfolgen, stelle man sich bei folgenden Beispielen bitte eine nölige, nervende Stimme vor.

Kaffeemaschine: “Ich habe kein Wasser mehr. Füll es auf. Mein Kaffeesatzbehälter ist voll. Mach ihn leer. Ich muss dringend wieder entkalkt werden. Kümmere dich drum. Der Auffangbehälter für Wasser läuft schon wieder über. Mach ihn leer. Ich habe keine Bohnen mehr. Füll sie auf. Außerdem habe ich kein Wasser mehr. Tu was.”

Herd: “Da steht kein Topf drauf. Das Wasser ist übergelaufen. Mach das weg. Da steht immer noch kein Topf drauf. Ich mag es nicht, wenn ich nass werde. Der Topf steht nicht richtig drauf. Stell ihn richtig hin. Mach endlich das Wasser weg.”

Küchenmaschine: “Der Deckel ist nicht richtig geschlossen. Mach ihn richtig zu. Die Teile sind zu groß, das kann ich nicht. Schneide das Zeug vor. Das ist mir alles zu anstrengend hier. Kannst du das nicht selbst schneiden?”

Geschirrspülmaschine: “Ich habe keinen Klarspüler mehr. Füll es auf. Ich habe kein Salz mehr. Füll es auf. Ich bin fertig mit Spülen, mach mich leer. Und füll den Klarspüler auf.”

Kühlschrank: “Mach zu. Ich mag es nicht, wenn die Tür so lange auf ist.”

Staubsauger: “Mein Behälter ist voll. Mach ihn leer.”

Elektrische Zahnbürste: “Mein Akku ist leer. Lad mich auf. Der Bürstenaufsatz ist alt. Tausch ihn aus. Mein Akku ist leer.”

Smartphones und Laptops: “Mein Akku ist leer. Lad mich auf. Meine Batterien sind leer. Tausch sie aus. Meine Firmware ist alt. Mach ein Update. Mein Akku ist schon wieder leer. Lad mich auf. Da stimmt was mit dem WLAN nicht. Kümmere dich drum. Da stimmt was mit dem Internet nicht. Kümmere dich drum. Da stimmt was bei mir nicht. Kümmere dich drum. Mein Speicher ist voll. Tu was dagegen. Meine Festplatte ist voll. Räum das auf. Mein Akku ist schon wieder leer.”

Kopfhörer: “Ich kann diese Verbindung nicht finden. Tu was. Wie? Ich war schon mal mit dem Gerät verbunden? Hör ich zum ersten Mal. Und jetzt? Kümmere dich drum.”

Fernseher: “Ich kann das Programm nicht anzeigen. Das muss am Receiver liegen. Kümmere dich drum. Ich kann nicht umschalten. Ich kann den Ton nicht so ausgeben wie du willst. Kümmere dich drum. Ich weiß nicht, mit welchen Kopfhörern ich mich verbinden soll. Kenne die nicht. Tu doch mal was.”

Receiver und Kopfhörer: “Kannst du dem Fernseher bitte ausrichten, dass wir keinen Bock mehr haben? Danke.”

Der Mülleimer mit dem automatischen Deckel: “Hör mal, ich rede mit den anderen Geräten hier. Die sind nicht zufrieden mit dir. Und was ich noch sagen wollte: Fütter’ mich, Seymor.”

Ich: “Audrey?”

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Der bipolare Durchlauferhitzer

Wo ich herkomme, kennt man so etwas wie Untertischgeräte oder Durchlauferhitzer nicht. Zumindest begegnete ich nie etwas derartigem – und glaubt mir, ich wohnte in sehr vielen unterschiedlichen Wohnungen. Wollte man warmes oder heißes Wasser, drehte/bewegte/drückte/zog man die entsprechende Armatur und erhielt sofort einen zuverlässigen, angemessen temperierten und satten Strahl aus dem Hahn. Alles andere war Magie, die irgendwo im Keller stattfand und nicht weiter hinterfragt wurde.

Bis ich nach Nordrhein-Westfalen zog und bei jedem Umzug aufs Neue Untertischgeräte oder kleine Elektroboiler für die Küche und Durchlauferhitzer im Badezimmer organisieren/warten/reklamieren und an ihnen verzweifeln durfte. Für mich unverständliche Zustände. Auch in der aktuellen Wohnung treibt mich ein solches Gerät regelmäßig in den Wahnsinn. Dabei ist es doch das Gerät selbst, das an einer bipolaren Störung zu leiden scheint.

Der Durchlauferhitzer im Badezimmer kennt nur zwei Zustände: zu heiß oder zu kalt. Angenehmes, warmes Wasser kennt er nicht. Und in der Dusche kennt er auch keinen Druck. Man kann zwischen kaltem oder heißem Plätschern wählen. Gerne übernimmt das Gerät die Wahl, je nach Lust und Laune. Stets durch ein lautes “KLACK!” angekündigt, wird die aktuelle Temperatur umgeschaltet, obwohl man selbst nichts an den Armaturen geändert hat. Noch fluchend und mit Schaum in Haar und Augen, verbrüht oder verkühlt man sich und hört direkt im Anschluss ein weiteres “KLACK!”, das einen verkühlt oder verbrüht. Je nachdem.

Das Gerät hat einen Umschalter mit drei Stellungen und einen großen Regler. Dies, so die Anleitung, soll komfortabel jede gewünschte Temperatur garantieren, speziell für jedes Bedürfnis, jede Jahreszeit, jeden gewünschten Energieverbrauch angepasst. In Wahrheit kann jegliche Schalter/Regler-Kombination zur zwei Dinge: zu kalt oder zu heiß. Ich habe es im Laufe der Jahre getestet. Und wieder getestet. Und wieder…

Einmal wurde der bipolare Durchlauferhitzer so krank, dass er regelmäßig die Sicherung aktivierte, wenn ihm zu heiß wurde. Ein Installateur kam zur Rettung, tauschte irgendwas Durchlauferhitzendes und quittierte mein Klagen über die bipolaren Zustände des Geräts mit einem Achselzucken. Das sei nunmal so, ich solle mal versuchen, den Schalter und den Regler auf eine andere Position zu stellen.

Irgendetwas in mir machte “KLACK!”

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